Seite 1 - MM

Krimi Der neue Thriller „Das Institut“ von Stephen King fesselt, auch wenn die Geschichte an Kings ersten Thriller „Carrie“ erinnert

Ein Knast für begabte Kinder

Eigentlich ist Luke Ellis ein ganz gewöhnlicher Junge kurz vor der Pubertät. Der Zwölfjährige lebt in einer ruhigen Vorortsiedlung von Minneapolis. Wenn er von der Schule nach Hause kommt, fährt er Skateboard oder spielt in der Einfahrt Basketball mit seinem Freund Rolf. Er trägt seine Baseball-Kappe gern nach hinten – wie es coole amerikanische Jungs eben tun. Man merkt ihm auf den ersten Blick kaum an, dass er hochbegabt ist, ein junges Genie mit riesigem Wissensdurst. Mit nur zwölf Jahren will er gleich an zwei Elite-Universitäten parallel studieren. Aber da ist noch etwas anderes. Immer wenn Luke sich aufregt oder frustriert ist, dann klappern die Teller um ihn herum oder die Türen fallen von selbst zu. Diese Fähigkeiten werden ihm zum Verhängnis.

In seinem neuen Roman „Das Institut“ widmet sich Bestseller-Autor Stephen King paranormal begabten Kindern. Sie können Gedanken lesen oder Gegenstände mit bloßen Blicken bewegen. Und deshalb werden sie entführt, um in einem geheimen Krieg als Waffen eingesetzt zu werden.

So ergeht es auch Luke. Ein Killerkommando bricht nachts in sein Haus ein, tötet seine Eltern und betäubt den Zwölfjährigen. Luke wacht weit entfernt in einem Zimmer auf, das wie seines aussieht, nur keine Fenster hat. In dem Institut irgendwo in den Wäldern Maines sind weitere Kinder mit speziellen Talenten gefangen. Sie sind Versuchskaninchen, müssen schmerzhafte Tests absolvieren, werden schikaniert und gefoltert, damit ihre übernatürlichen Fähigkeiten verstärkt werden. Und irgendwann, wenn die Tests zu Ende sind, werden sie in den Hinterbau gebracht, von dem keiner je zurückkehrt. Noch nie ist einem Kind die Flucht aus dem abgeschirmten Institut geglückt. Aber wie gesagt – Luke ist ein sehr kluger Junge.

Debüt vor 45 Jahren

Stephen King kehrt mit seinem neuen Roman „Das Institut“ zu seinen Wurzeln zurück. Bereits in seinem ersten veröffentlichten Werk „Carrie“, das vor 45 Jahren herausgegeben wurde, beschäftigt er sich mit paranormalen Fähigkeiten und mit Telekinese-Teenies, lässt eine gemobbte 16-jährige Schülerin einen Abschlussball in Schutt und Asche legen. Sein jüngster Roman ist vielschichtiger, politischer, echter.

Diesmal geht es nicht um Schulschikane, sondern um Kindesentführung, globalen Terrorismus und eine korrupte Geheimorganisation, die die Geschicke der Welt lenkt. „Amerika hat endgültig seine Unschuld verloren“, schreibt der Heyne-Verlag. Die Hauptfiguren gruseln nicht mit übersinnlichen Fähigkeiten, vielmehr fiebert der Leser mit den kleinen Helden mit im Kampf gegen ihre skrupellosen, sadistischen Entführer. Das Buch erinnert an die US-Mystery-Serie „Stranger Things“, in der Kinder gegen Monster kämpfen. „Das Institut“ fesselt von der ersten Seite an, da verzeiht man auch die ein oder andere unlogische Stelle – etwa wenn Lukes Eltern nicht weiter hinterfragen, dass ihr 12-jähriger Sohn per Telekinese ein Pizzablech vom Tisch fegt.

King gilt als „Meister des Horrors“. Seine Gruselgeschichten „Es“ und „Friedhof der Kuscheltiere“ verkauften sich millionenfach. Mit seinem neuen Thriller bleibt er sich treu – und erfindet sich doch wieder neu. Man würde das Buch am liebsten am Stück lesen, würde einem bei einer Länge von 768 Seiten nicht irgendwann der Nacken schmerzen.