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Sachbuch Der US-amerikanische Historiker Adam Zamoyski legt eine neue Biografie Napoleons vor

Ein Leben – und was für eines

Archivartikel

Über Napoleon Bonaparte (1769-1821) wurde viel geschrieben, nach Schätzungen mehr als 80 000 Bücher. Zu den Romanen, Dokumentationen, Anekdotensammlungen und Biografien kommt nun ein neues Werk hinzu, das schlicht „Napoleon – Ein Leben“ heißt und von dem amerikanischen Historiker mit polnischen Wurzeln, Adam Zamoyski (Jahrgang 1949), verfasst wurde.

Es ist nicht das erste Opus des in London lebenden Autors über den Kaiser der Franzosen, dessen Geburtstag sich im August zum 250. Mal jährt. Schon in „1812. Napoleons Feldzug in Russland“ und „1815. Napoleons Sturz und der Wiener Kongress“ beschäftigte er sich mit dem Korsen, darin aber je mit einem bestimmten Abschnitt aus dessen Leben. Die neue Lektüre umfasst die ganze Vita eines Mannes, an dem sich noch immer Geister scheiden.

Fluch oder Segen?

War er Fluch oder Segen für die Menschheit? Oder beides? Eine direkte Antwort gibt Zamoyski nicht. Er gesteht dem Leser zu, sich selbst ein Urteil zu bilden, in dem er belegte Informationen, Fakten, Augenzeugenberichte, Anekdoten und Zitate in meist chronologischer Folge aneinanderreiht und sie spannend wie ein Roman verbindet. Zu einer Schlussfolgerung aber lässt er sich im Vorwort animieren: „Napoleon war ein Mensch“ – ein Mensch, dem nichts Übermenschliches angehaftet habe, der aber auch kein Monstrum gewesen sei.

Zamoyskis Lebensreise beginnt lange vor der Geburt, im 16. Jahrhundert, mit einer Beschreibung von Korsika. Bevor Napoleone (oder Nabullione) Buonaparte in der korsischen Stadt Ajaccio geboren wurde, gehörte die Insel mehr oder weniger zu Genua, 1768 wurde sie Frankreich verkauft.

Das ist insofern von Bedeutung, weil ansonsten der Sohn eines Advokaten wohl nie die große Weltbühne betreten hätte. Und weil sich Napoleons Stellenwert bereits während der Französischen Revolution (1789-1799) abzeichnete, setzte seine Familie alsbald ausgiebige Ahnenforschung in Gang, die jenen Fakt belegt: Napoleon ist „Nachfahre eines gewissen Gabriele Buonaparte (...), dem im 16. Jahrhundert das prächtigste Herrenhaus in Ajaccio gehörte“. Die kleinadlige Familie zählte sich seitdem zu den Notabeln der Insel, obwohl sie recht arm war.

Stattdessen war sie reich an Kindern. Napoleons Mutter Letizia brachte 13 Mal Nachwuchs zur Welt. Der spätere Kaiser war der zweite Sohn, der das Kindesalter überlebte. Zu seiner Mutter und den sieben Geschwistern hielt er stets enge Bindung und versah sie und deren Anhang mit Vermögen und Ämtern – solange er über beides verfügte. Auch darüber wird der Leser ausführlich unterrichtet, ebenso über die Liebschaften Napoleons, seine beiden Ehen, das Verhältnis zu seinen Adoptivkindern und zum leiblichen Sohn, zu Freunden, Feinden.

Napoleons militärischer Werdegang ist nicht so bekannt wie die Zeit seines Aufstiegs und der Herrschaft. Daher gehören diese Kapitel zu den interessantesten. Was aber an diesem Buch am meisten fesselt, sind die von Augenzeugen geschilderten Kämpfe und Schlachten der jungen Republik Frankreich, das unendliche Leid von Soldaten, aber vor allem auch von Zivilisten in einer Zeit, die ohnehin von Hunger, Not und politischer Unsicherheit geprägt war. Und von der Angst der Menschen (die Bonapartes inklusive), der lange Arm der Revolution reicht bis ins eigene Heim, gelenkt von Denunziation und Verleumdung.

Bedeutende Reformen

Die Jahre als Soldat, Konsul, vor allem als Kaiser, Napoleons Wandlung vom ärmlichen General bis hin zum selbstherrlichen Staatsoberhaupt, seine genialen Schachzüge wie auch taktischen Fehler auf dem Schlachtfeld, seine Siege, Niederlagen – militärisch, politisch, privat – und nicht zuletzt seine Reformen, allen voran die Verbreitung des Code de Civil und seiner Verwaltungsreform in Teilen Europas, sind bekannt. Doch im Zusammentragen von Fakten, der Beschreibung und Analyse durch Zamoyski lesen sie sich wie ein völlig neues Buch mit Überraschungen, Gruseleffekten und subtilem Humor. Man möchte meinen, der Autor hat am Ende ein wenig an Neutralität verloren, denn nach der Auflistung prominenter Trauerbekundungen (Manzoni, Heine, Goethe u.a.) schwingt ein Hauch von Ehrfurcht mit, wenn er Napoleon nach dessen Ableben 1821 bescheinigt: „Sein neues Leben als Mythos hatte begonnen.“