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Roman Der italienische Autor Roberto Saviano legt sein neues Buch „Die Lebenshungrigen“ vor

Eine Jugend in Neapel

Sie sind 17, 18 Jahre alt, und ihre Geschäfte laufen so gut, dass sie Champagner trinken und ihre Freundinnen mit Edelklamotten ausstaffieren können. In jedem Restaurant ihres Viertels ist für sie selbstverständlich zu jeder Zeit ein Tisch reserviert, und wenn sie in einer Diskothek auftauchen, geht ein Raunen durch die Menge: Erfolg macht sexy. Die Paranza – die Gang von Nicolas – macht in Neapel mehr her als Popstars auf Youtube. Nicolas Maraja hat es weit gebracht. Wir kennen ihn und seine „Bros“, die aus der bürgerlichen Mittelschicht Neapels stammen, schon aus Roberto Savianos Roman „Der Clan der Kinder“, dessen Verfilmung kürzlich in die Kinos kam. Diese frühreifen Kids handeln natürlich nicht mit legalen Waren, sondern mit Drogen. Ihre Verhandlungen führen sie mit Schnellfeuerwaffen. Und ein Argument, das hier zählt, ist Angst – wer sie erzeugt, sitzt am längeren Hebel. Wer sie hat, ist schon verloren.

Der investigative Journalist Roberto Saviano hat 2006 mit seiner Reportage „Gomorrha“ ein Buch vorgelegt, das nicht nur zu einem riesigen Bestseller wurde. Es war auch eines, das den führenden Mafia-Familien Neapels sauer aufstieß: Saviano hatte durch seine Recherchen ein genaues Bild der Strukturen, der Gewalttätigkeit, der Geschäftsmodelle der ehrenwerten Gesellschaft gezeichnet, und den Porträtierten war das ein bisschen zu intim. Bis heute lebt Saviano unter Polizeischutz.

Das Schreiben hat er trotz aller Drohungen nicht aufgegeben. Einige Sachbücher folgten, dann der erste Roman über die Kinder-Clans in seiner Heimat, die in den letzten Jahren das Vakuum füllten, das einige ehemalige Cosa-Nostra-Bosse hinterlassen haben, nachdem sie zu Haftstrafen verurteilt worden waren. „Die Lebenshungrigen“ heißt die Fortsetzung dieser literarischen Milieustudie. Anführer Nicolas und seine Jungs sind ein paar Jahre älter.

Und nach ein paar Morden noch brutaler. Verräter werden sadistisch aus dem Weg geräumt, Gegner liquidiert, bevor sie selbst zuschlagen können. Saviano spart nicht an drastischen Gewaltszenen. Noch irritierender ist diese Brutalität im Vergleich zum ersten Band. Noch deutlicher wird hervorgekehrt, dass die Rohheit dieser Kinder auch eine mediale Seite hat: Oft beziehen sich die Nachwuchs-Gangster auf Mafia-Filme, stellen nach, was stilisiert von der Leinwand flackert.

Viele Klischees

„Die Lebenshungrigen“ spielen mit diesem Mythos, setzen ihn trotz eines aufklärerischen Impulses fort, erliegen der Wirkmacht der vorgefertigten Bilder. Und hiermit hängt das zweite Problem dieses Romans zusammen: Saviano ist ein engagierter Journalist. Als Romancier aber rutscht er gerne ins Klischee, setzt seine Figuren als Transporteure des umfangreichen Materials ein, das er in den letzten Jahren zusammengetragen hat. In die tieferen Seelenschichten seiner Protagonisten dringt er kaum vor. Er überfordert die Leserinnen und Leser mit den Verstrickungen seines kaum mehr fassbaren Personals. Und wäre die Geschichte nicht so erschreckend und damit leider auch fesselnd wie ein Krimi, würde man den Roman bald schon wegen der etwas grobmotorischen Verwendung der Sprache und der überfordernden Atemlosigkeit der Ereignisse zur Seite legen. Saviano ist als Aufklärer gewiss ein Held. Aber er muss aufpassen, seine Verbrecher-Figuren nicht auf genreliterarische Weise in Ikonen zu verwandeln.