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Sachbuch „Spiegel“-Autor Juan Moreno beschreibt, wie er seinem Kollegen und Geschichten-Erfinder Claas Relotius auf die Spur kam

Einer musste sich also irren

Archivartikel

Die Gefahr des Selbstlobs, der Selbstgefälligkeit ist groß, wenn jemand einen anderen gravierender Lügen überführt. Sie wird noch größer, wenn er anschließend ein Buch über den Lügner, sein System, seine Strategien, seine Unterstützer und sein ergebenes Publikum schreibt. Genau das hat der freiberufliche „Spiegel“-Autor Juan Moreno (kleines Bild) gemacht. Und das sehr gut – ohne Schaum vorm Mund, ohne Überheblichkeit, mit belegten Hinweisen auf Versagen und Schuld und mit ordentlichen Selbstzweifeln.

Diese können einen Mann mit Frau und vier Kindern überkommen. Besonders dann, wenn er als freier Mitarbeiter des „Spiegel“ den bis dahin gelobten, mit Journalistenpreisen dekorierten und fest angestellten Reporter-Kollegen Claas Relotius verdächtigt, unsauber zu recherchieren. Denn er setzt damit seine eigene Existenz genauso aufs Spiel wie die des zu dem Zeitpunkt noch nicht überführten Geschichten-Erfinders Relotius.

Auf 287 Seiten lädt Juan Moreno den Leser ein, sich auf eine Recherchereise zu begeben, in der die Arbeit echter und falscher Reporter dokumentiert wird. Es ist eine Reise durch anfängliche Widersprüchlichkeiten, ungeklärte und nie zu klärende Fragen, Lügen, Finten, offenes und verdecktes Misstrauen sowie blindes Vertrauen beim „Spiegel“. Es ist aber eben auch eine Reise durch die unbequemen Tiefen von Hartnäckigkeit, Handwerk, Menschenverstand, Misstrauen, Kompetenz, Detailkenntnis. Für Moreno ist das Reporterleben, wie er schreibt, eher grau, selten schillernd, schon gar nicht glamourös. Es ist harte Arbeit, getragen von Tätigkeiten wie prüfen, hinterfragen, mit Menschen sprechen, ihre Absichten verstehen, durchschauen, beschreiben.

Es geht in dem Buch um die Geschichte mit dem Titel „Jaegers Grenze“. Dafür recherchierten Moreno und Relotius gemeinsam für den „Spiegel“ – an unterschiedlichen Orten und ohne sich je zu treffen – in den USA und Mexiko beiderseits der Grenze. Am 17. November 2018 war der mehrseitige Beitrag im „Spiegel“ erschienen – und beendete wenige Wochen später letztendlich Claas Relotius’ Reporter-Karriere. Er war bis wenige Tage vor Weihnachten des Jahres 2018 der junge Reporter, dem eine große Journalisten-Karriere prophezeit wurde. Wie sich herausstellte, hatte sich Relotius in „Jaegers Grenze“ handelnde Personen und Ereignisse an der Grenze zwischen Mexiko und USA einfach ausgedacht. Weitere Beiträge des 33-Jährigen wurden in der Folge als erfunden enttarnt. Für den „Spiegel“ – und auch für den deutschen Journalismus – ist dieser Betrug am Leser in Zeiten von Falschnachrichten und schwindendem Vertrauen in Medien eine tonnenschwere Belastung.

Aufklärer Juan Moreno schreibt auf Seite 117 seines Buches: „Einer musste sich also irren.“ Dieser rote Faden zieht sich durch viele Seiten. Stark an seinem Werk sind auch die dokumentierten, internen E-Mails – auch hier gibt es echte und welche mit gefälschtem Absender von Relotius. Eine echte, datiert auf den 13. November 2018 wenige Tage vor Erscheinen von „Jaegers Grenze“ im „Spiegel“ und knapp fünf Wochen vor Relotius’ Auffliegen, beschreibt den internen Austausch per Mail zwischen Relotius und Moreno. Sie dokumentiert Morenos Zweifel in Form von Fragen an Relotius. Der weitere Austausch zeigt des Fälschers Fantasie und Fähigkeiten, entscheidenden Fragen einfach auszuweichen, sie quasi wegzulächeln. Es wird klar, dass Relotius bei dieser Geschichte den Hut aufhatte. Er war derjenige, der die Rechercheergebnisse auf Wunsch und Weisung seines Chefs in Hamburg am „Spiegel“-Stammsitz zusammenschrieb, was dann als „Jaegers Grenze“ auf mehreren Seiten zu lesen war.

Relotius war offenbar gern im Ausland auf Recherche. „Mehr Vertrauen als bei kaum überprüfbaren Auslandsreportagen aus Krisengebieten ist kaum denkbar. Ein ideales Feld, um dieses Vertrauen zu missbrauchen“, schreibt Juan Moreno.

Relotius’ preisgekrönte Geschichten wie die über einen syrischen Jungen, der angeblich den Bürgerkrieg ausgelöst hat, hätten es bis in deutsche Schulbücher schaffen können. Das hatte Deutsche-Welle-Chefredakteurin Ines Pohl bei einer Reporterpreis-Laudatio gesagt, als der Stern des Textfälschers noch strahlte. Nun empfiehlt sich vielmehr, die „Tausend Zeilen Lüge“ des zweifelnden, misstrauischen, nachfragenden, fleißigen Juan Moreno in jeden Schulranzen zu packen – als Lehrstück über mühevollen, mutigen, sauberen Journalismus.