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Entführung ist kein Kinderspiel

„Kidnapping Stella“: Netflix setzt erstmals auf eine deutsche Produktion – dabei sind alte Bekannte aus „Fack ju Göhte“

So unvermittelt wie „Kidnapping Stella“ (ab 12. Juli bei Netflix verfügbar) beginnen Filme selten: Zwei Männer knacken einen Transporter, Nummernschilder werden ausgetauscht, anschließend wird im Baumarkt eingekauft und eine heruntergekommene Wohnung schalldicht gemacht. Als die beiden kurz darauf eine junge Frau entführt und dort versteckt und ans Bett gefesselt haben, sind noch keine zehn Minuten vergangen – und keine Worte gesprochen.

Bei den beiden Männern handelt es sich um Vic (Clemens Schick) und Tom (Max von der Groeben), ihr Opfer ist Stella (Jella Haase), die Tochter eines wohlhabenden Industriellen. Der soll um eine ordentliche Summe Geld erpresst werden, bevor sie freigelassen wird. Allerdings entwickelt sich die Sache längst nicht so reibungslos wie sie sich zunächst angelassen hatte: Der Zahlungswilligkeit von Stellas Vater muss erst einmal auf die Sprünge geholfen werden, sie selbst macht keine Anstalten, sich bedingungslos ihrer Opferrolle zu beugen, und auch das Verhältnis der beiden Entführer zueinander ist nicht ohne Probleme.

Regisseur und Drehbuchautor Thomas Sieben, der bisher gefeierte Indie-Filme wie „Distanz“ oder „Staudamm“ inszenierte, konzentriert sich in „Kidnapping Stella“ ganz und gar auf diese drei Figuren. Er bewegt sich mit Kameramann Sten Mende fast ausschließlich in besagter kleiner Wohnung, und die Direktheit, mit der er seine Geschichte beginnt, behält er bis zum Schluss bei. Auf Rückblenden verzichtet er ebenso wie auf ausführliche Erklärungen mittels Dialog: Wer diese Menschen sind, was sie womöglich verbindet und von welchen Motivationen sie getrieben sind, bleibt größtenteils ungeklärt.

Für das souveräne Darsteller-Trio ist das nicht das geringste Problem, und gerade die Tatsache, dass die Dynamik zwischen Haase und von der Groeben hier eine vollkommen andere ist als in den „Fack ju Göhte“-Filmen, verleiht der Sache einen besonderen Reiz. „Kidnapping Stella“ ist ein durchaus harter Thriller. Es geht erstaunlich heftig, brutal zur Sache.

Neben den Schauspielern ist der fast minimalistische Erzählansatz die große Stärke. Fast würde man sich sogar wünschen, Thomas Sieben hätte die Sache in diesem Thriller noch ein wenig mehr auf die Spitze getrieben, gerade in der Art und Weise, wie er das beengte Setting inszeniert. Denn woran es seinem Film ab der Hälfte ein wenig mangelt, ist die Spannung. Die überrumpelnde Dringlichkeit des Anfangs etwa geht mit der Zeit verloren, und was überraschende Wendungen im Verlauf der Handlung angeht, wäre sogar mehr doch mehr gewesen. Der Schluss gelingt dann aber wieder erfreulich konsequent und stimmig. tsch