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Literatur Überlebende haben oft nicht einmal mit der Familie über den Holocaust gesprochen – Maya Lasker-Wallfisch kennt das, ihre Mutter war die „Cellistin von Auschwitz“

Fiktive Briefe an die ermordeten Großeltern

Archivartikel

Als Teenagerin sucht Maya Lasker-Wallfisch in ihrem Elternhaus nach Zigaretten und findet in einem Schrank eine Mappe. Darin sind Fotos von Leichenbergen, von Bulldozern, die die Toten in Gruben schieben und von ausgemergelten Körpern vor Holzbaracken. Es sind Aufnahmen aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen, darunter ein Bild ihrer Mutter. Die 13-Jährige legt die Mappe zurück, verschließt die Schranktür, traut sich nicht, zu fragen, woher die Fotos kommen und was sie mit ihrer Familie zu tun haben. Der Holocaust ist bei ihren Eltern ein Tabuthema. Maya Lasker-Wallfisch hat unter dem Schweigen lange gelitten und schließlich darüber geschrieben: „Briefe nach Breslau“ heißt ihr Buch, das gerade bei Suhrkamp erschienen ist.

Maya Lasker-Wallfisch ist Psychotherapeutin. Ein Thema, mit dem sie sich seit vielen Jahren beschäftigt, sind transgenerationelle Traumata. Die Erfahrung, dass traumatische Erlebnisse auch auf die nachfolgende Generation weitreichende Folgen haben können, hat sie selbst gemacht. Ihre Mutter, Anita Lasker-Wallfisch, 1925 in Breslau geboren, hat Jahrzehnte gebraucht, um über ihre Zeit als Cellistin im Häftlingsorchester des Vernichtungslagers Auschwitz zu sprechen. Und über den Tod ihrer Eltern, die von den Nazis ermordet wurden, weil sie Juden waren.

Nach der Befreiung in Bergen-Belsen ging sie mit ihrer Schwester Renate 1946 nach England. Inzwischen engagiert sie sich seit Jahren für die Erinnerung an den Holocaust und gegen den Antisemitismus. Beim Holocaust-Gedenktag im Januar 2018 war sie als Rednerin im Bundestag zu hören.

Ihre Tochter, 1958 in London geboren, hat über die Geschichte ihrer Familie als Kind wenig gewusst. „In all den Jahren hatte ich keine Ahnung, was meine Mutter im Krieg durchgemacht hatte. Zuhause wurde nie über die Lager gesprochen, nicht über Auschwitz und nicht über Bergen-Belsen, und auch nicht darüber, was mit meinen Großeltern passiert war.“

Versuch, ins Gespräch zu kommen

In ihrem aufschlussreichen, lesenswerten Buch holt sie das nach. In fiktiven Briefen an die 1942 ermordeten Großeltern erzählt sie ihnen, wie Anita und Renate erst ins Gefängnis kamen, dann nach Auschwitz, schließlich nach Bergen-Belsen und dort die Befreiung des Konzentrationslagers erlebten.

Die Briefe seien der Versuch gewesen, doch noch mit ihnen ins Gespräch zu kommen. „Ich dachte, wenn ich versuchte, eine Beziehung zur Vergangenheit herzustellen, würde ich in der Gegenwart besser zurechtkommen“, schreibt sie.

In ihrem Leben ist vieles schief gelaufen. Davon erzählt sie auf der zweiten Ebene des Buches: von ihren Schwierigkeiten als Jugendliche, von ihren Eltern, die Musiker waren und wenig Zeit für sie hatten. Und sie berichtet auch von Mitschülern, die das einzige jüdische Mädchen der Schule mobbten und verprügelten.

Als Mutter eines Sohnes hat sie schließlich ihren Umgang mit dem Trauma gefunden. Auch über die Verletzungen der Enkelgeneration zu sprechen, ist für sie kein Tabu mehr, „Briefe nach Breslau“ ist der sichtbare Beleg dafür. dpa