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Weinheim Vor 50 Jahren schloss der „Pfälzer Hof“ / Er hatte sogar einen Stern im Kult-Reiseführer „Baedecker“ / Heute steht dort die Stadthalle

Früher das „erste Haus am Platz“

Vor 50 Jahren – exakt am 1. Oktober 1969 – gingen im Hotel „Pfälzer Hof“ die Lichter aus. Man hatte in Weinheim zwar schon eine Weile damit gerechnet, aber als Hotelier Edgar Obrecht den Schalter endgültig drückte, war nicht nur ein bedeutendes Stück Weinheimer Hotelgeschichte zu Ende, sondern auch ein wichtiges Kapitel der jüngeren Stadtgeschichte abgeschlossen.

Es führt zurück in die Zeit, als die alte, ungepflasterte und zum Feldweg verkommene Landstraße westlich vor der Stadt zur Hauptverkehrsstraße in Weinheim ausgebaut und 1839 in Betrieb genommen wurde. Erbittert, explosiv, letztlich aber doch vergeblich hatten sich die an der innerstädtischen Durchgangsstraße gut verdienenden Weinheimer gegen deren Verlegung an den Stadtrand gestemmt.

Die neuen Chancen an der „Chaussee“, die kürzere Transportzeiten und angenehmeres Reisen erlaubte, wurden schnell erkannt. Heinrich Hübsch, der große badische Baumeister, errichtete seinem Bruder bei der Steinernen Brücke, der ersten Straßenbrücke über die Weschnitz, einen neuen Posthof und auf der gegenüberliegenden Straßenseite erwarb Simon Spitz, der bisherige Wirt des „Badischen Hofs“, das Eckgrundstück Birkenauer Talstraße/Sulzbacher Landstraße. Er wollte ein Gasthaus mit Hotelbetrieb errichten, übernahm sich dabei aber finanziell.

Den „beinahe fertigen“ Bau ersteigerte Philipp Jakob Reiffel 1842 und vollendete ihn zusammen mit seiner vermögenden Frau zum „Hotel Pfälzer Hof und Wasserheilanstalt“. Die heilsame Kraft des Wassers ging aber wohl nicht über Kneipp’sche Anwendungen hinaus. Die „Heilquelle“ entsprang am Bennweg und ihr Wasser wurde, teilweise in Holzröhren, durch das damals noch unbebaute Gebiet von Johannis-, Wilhelm- und Paulstraße zum „Pfälzer Hof“ geleitet. Springbrunnen im Park des Hotels und im gegenüberliegenden Posthof Hübsch wurden ebenfalls aus dieser Quelle gespeist.

Der „Pfälzer Hof“ in Weinheim, inzwischen mit angebautem Kleinen Saal und Gartenhalle, galt bald als eines der besten Hotels an der Bergstraße. Schon in den 1840er- Jahren wurde in der „Allgemeinen Gasthofszeitung für Gastwirthe, Reisende und Freunde der Tafel“ überschwänglich über den „Pfälzer Hof“ berichtet: „von draußen wie ein kleines Lustschloss, und von innen wie ein Schmuckkästchen, ein Hotel, das der Stadt Weinheim zur Zierde und dem Eigenthümer zur Ehre gereicht, ein Hotel, wo man vortrefflich isst, vortrefflich trinkt, himmlisch wohnt und göttlich schläft“.

Streit über Veranstaltungshalle

1870 erhielt der „Pfälzer Hof“ einen Stern in dem seit 1832 erscheinenden Baedecker-Reiseführer. Weinheims gesellschaftliche Veranstaltungen, vor allem die der drei ältesten Vereine Casinogesellschaft, Singverein 1842 und Schützengesellschaft 1860 fanden im „Ersten Haus am Platz“ statt, auch weil der Gartensaal über 200 Besuchern Platz bot. Für Großveranstaltungen fehlte in Weinheim allerdings eine Festhalle und weil der städtische Etat dafür nichts erübrigen konnte, wurde in den 1920er-Jahren der private Bau einer Festhalle zu einem Wettbewerb zwischen zwei Vettern: Regierungsrat Theodor Weisbrod wollte eine Festhalle in den großen Garten seines „Badischen Hofes“ an der mittleren Hauptstraße stellen, sein Vetter Heinrich Reiffel hatte Baupläne beim „Pfälzer Hof“, den er nach dem 1. Weltkrieg übernommen hatte.

Die bessere Lage entschied 1927 für Reiffel, aber diese Entscheidung wurde auch zum Schicksal des Hauses und seiner Besitzer. Der Festhallenbau ging über die Kraft der Familie Reiffel. Das Hotel musste zwangsversteigert werden und kam 1933 in den Besitz der Familie Essig, die Festhalle, die heutige Stadthalle, wurde letztlich Eigentum der Stadt Weinheim.

Hotelbesitzer Essig verstarb 1943 in einem Kriegslazarett. Von 1946 bis 1952 war der „Pfälzer Hof“ Schulhotel der in Heidelberg ausgebombten Hotelfachschule und wurde erst nach der Rückkehr der Schule nach Heidelberg wieder im ursprünglichen Sinn genutzt.

Schüsse im Hotel

1954 erlebten Hunderte von Fußballfans am Bildschirm des kleinen Fernsehapparats den Berner Triumph von Sepp Herbergers Mannen. 1969 kam das Ende des renommierten Hauses, in dem sich 1934 der umstrittene Stabschef der SA, Ernst Röhm, als schlechter Gast erwiesen hatte, als er bei einem seiner gefürchteten Ausfälle mit der Pistole in die Decke seines Hotelzimmers schoss und bei seinem Abschied erhebliche Schulden hinterließ.

Der Kleine Saal wurde 1970 noch einmal geöffnet für den Rosenmontagsball in der Stadthalle. 1975 wurden die baufällig gewordenen Gebäude des „Pfälzer Hof“ abgerissen und es entstand die Stadthalle in ihrem heutigen Aussehen. Als Oberbürgermeister Rolf Engelbrecht im September 1959 die im Krieg zunächst zur Getreide-, später zur Schuheinlagerung zweckentfremdete Festhalle unter dem neuen Namen Stadthalle an die Öffentlichkeit zurückgab, wurde fast zur gleichen Stunde in Heidelberg Heinrich Reiffel zu Grabe getragen. Er hatte nach dem Verlust seines Hotels auch noch den Kriegstod seines Sohnes erleben müssen. -ell