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Hintergrund Der Umbruch in der ehemaligen DDR und Fall der Mauer haben auch starke literarische Resonanz erfahren

Gibt es einen Wenderoman?

Historische Ereignisse finden regelmäßig auch literarischen Niederschlag. Denn Literatur schöpft nun mal aus dem Leben und der Erfahrung. Die Feldzüge Napoleons bilden den Hintergrund von Tolstois „Krieg und Frieden“; die Schlachten des Ersten Weltkriegs sind auf unterschiedliche Art Thema von Remarques „Im Westen nichts Neues“ oder Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“. Sollte es da anders sein in Bezug auf die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR, den Fall der Mauer und die sogenannte Wende?

Den einen großen deutschen Wenderoman gibt es indes nicht – einen, dessen Status, Wert und Bekanntheit niemand in Frage stellte. Was bald nach dem Fall der Mauer in Feuilletons gefordert wurde, eben der eine, große Gesellschaftsroman, der das wiedervereinigte Land zum Thema hat – ihn wird man schon deshalb kaum finden, weil Literatur vor allem Vielfalt ist und Ausdruck von poetischer Subjektivität.

Das Selbstbewusstsein zu einem solchen Werk hatte fraglos der spätere Nobelpreisträger Günter Grass; sein 1995 erschienener Roman „Ein weites Feld“ wurde dennoch nicht in der beschriebenen Weise und ohnedies eher zwiespältig aufgenommen. Zudem spielt das Buch zwar in der Hauptsache zwischen dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung, aber Grass war das nicht genug, weshalb er Deutschland seit der Revolution von 1848 in den Blick nahm.

Alltag in Altenburg

Andere, jüngere Autoren sind bescheidener gewesen. Vor allem der 1962 in Dresden geborene Ingo Schulze, für den Günter Grass übrigens höchstes Lob parat hatte, kann nachgerade als literarischer Chronist der Wendezeit gelten. Wie diese das Leben der Menschen in Ostdeutschland verändert hat und prägt, war schon Thema seiner zweiten Publikation, der Geschichtensammlung „Simple Storys“ aus dem Jahr 1998. Sie wirft Schlaglichter auf das Leben einiger Charaktere im thüringischen Altenburg – und zeigt Schwierigkeiten auf, mit den veränderten Verhältnissen klarzukommen. Am selben Ort siedelte Schulze auch sein als Briefroman angelegtes Buch „Neue Leben“ (2005) an.

Aufbauend auf eigenen Erlebnissen und durchaus auch mit märchenhaften Motiven wird vom Zeitungsredakteur Enrico Türmer erzählt, von dessen persönlichen wie zeitbedingten beruflichen Problemen – in sehr ausführlicher Form, was der Verbreitung des Buchs nicht zuträglich war. Kurzweiliger wirkte Schulzes Wende- und Beziehungsroman „Adam und Evelyn“ (2008), der auch verfilmt wurde. Sein jüngster Roman „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“, erschienen vor zwei Jahren, behandelt erneut ein Wendeschicksal: Die Titelfigur der ironischen Erzählung, ein in der DDR sozialisierter Maurer, bringt es im wiedervereinigten Deutschland zum Millionär.

Auf Familiengeschichte bauend

Wenn einer das Etikett „Autor der Wende“ verdiente, dann Schulze. Er würde es freilich kaum begrüßen, da er sein Spektrum damit verengt sähe. Erst recht dürfte das für Schriftsteller wie Eugen Ruge und Uwe Tellkamp gelten, die mit Romanen beachtliche Erfolge erzielten, die ebenfalls Wendegeschichten erzählen – aber darin allein nicht aufgehen.

Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (2011) basiert auf der Familiengeschichte des in der DDR aufgewachsenen Autors, dessen Vater ein renommierter Historiker war. Tellkamps „Der Turm“ (2008) spielt im für die DDR untypischen bildungsbürgerlichen Milieu Dresdens. Die Spätzeit der DDR ist der jeweilige Hintergrund, aber mehr noch als bei Schulze ist die Zeitgeschichte eher nur Anlass, um lebendige, ganze Menschen und deren Daseinsnöte zu entwerfen. Und dasselbe gilt eben auch für einen Roman wie Lutz Seilers „Kruso“.

Ein (satirischer) Wenderoman ist nicht zuletzt Thomas Brussigs „Helden wie wir“ von 1995: Sein gebrochener Held behauptet, er habe die Überwindung der deutschen Teilung mit sexueller Manneskraft vollbracht – eine Erektion wirft die Mauer um. Verfilmt wurde dieser Roman wie die zuvor Genannten. Und tatsächlich wurde das Buch bei Erscheinen von einigen Kritikern als der ersehnte Wenderoman gefeiert.

Auffällig ist im Zusammenhang des Themas übrigens dieser Umstand: Alle genannten Autoren nach Grass sind im Osten aufgewachsen. Entgegen der Rede vom Zusammenwachsen zweier Staaten scheint die Wende vor allem für Ostdeutsche bedeutsam und folgenreich zu sein. Ein Spiegel des Lebens ist die Literatur wohl auch in solcher Hinsicht.