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Gleicher wohnen – gebaute Ödnis

Archivartikel

Architektur: Im Wohnungsbau herrscht Einerlei – niedriger als in den 1970er Jahren, aber ebenso austauschbar

In ganz Deutschland versprechen Stadtplaner bei Neubauprojekten „attraktive Quartiere“ und „innovative Konzepte“ – und ebenso einförmig wie die Werbesprüche sind die Ergebnisse. Viele Neubaugebiete gleichen einander so sehr, dass Besucher nur an den Nummernschildern der geparkten Autos erkennen können, ob sie sich in Bayern befinden oder Schleswig-Holstein. Es dominiert der Quader mit Flachdach.

Die Gründe der gebauten Ödnis sind vielfältig, wie Fachleute sagen. Wirtschaftliche Interessen der Bauträger spielen ebenso eine Rolle wie Behörden, Politiker und die dominierende Fraktion der Modernisten unter den Architekten.

Ein maßgeblicher Faktor: die Rendite. „Wenn Sie quaderartige Schachteln mit geraden Wänden und Flachdach haben, optimieren Sie die Fläche, Sie haben immer ein paar Quadratmeter mehr Wohnfläche als mit Schrägdach“, sagt Sebastian Körber (FDP), Architekt und Vorsitzender des Bauausschusses im Bayerischen Landtag.

Die Kommunen selbst tragen durch ihre Vergabepraxis dazu bei: Bis zum Ersten Weltkrieg wurden Grundstücke in der Regel einzeln oder in Gruppen weniger benachbarter Parzellen abverkauft und bebaut. So erhielt jeder Straßenzug ein individuelles Gesicht. Schon nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich das: Seither veräußern die Kommunen Baugrund häufig in größeren Einheiten, so dass ein Unternehmen eine Vielzahl gleichförmiger Häuser errichten kann. „Ein Hauptproblem ist, dass die Kommunen den Bauträgern große Gebiete ohne einen städtebaulichen Rahmen überlassen“, sagt Christian Siedenburg, Architekt im oberbayerischen Krün und Verfechter des traditionellen Bauens. „Wenn man nicht gegensteuert, bekommt eine Kommune das, was der Bauträger ausrechnet.“

Doch sogar Bauträger mit ästhetischem Anspruch sind in einer Kostenspirale gefangen: Da Grundstückspreise und Baukosten dramatisch gestiegen sind, erhöht das den Anreiz, an anderer Stelle zu sparen – bei Schönheit und Qualität.

„Seit 1990 hat sich die Zahl der Bauvorschriften auf rund 20 000 vervierfacht“, sagt Axel Gedaschko, der Präsident des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW). „Das treibt die Baukosten in die Höhe und sorgt für einen immer größeren Druck auf Seiten der Bauherren, möglichst effizient zu bauen.“

Doch wäre es zu kurz gegriffen, nur Rendite und Vorschriften verantwortlich zu machen. Im 19. Jahrhundert war gebaute Schönheit Staatsziel: „Ich will aus München eine Stadt machen, die Deutschland so zu Ehren gereicht, dass niemand sagen kann, er kenne Deutschland, wenn er München nicht gesehen hat“, erklärte Bayerns König Ludwig I. (1786-1868), ganz im heute noch üblichen Ton weiß-blauer Selbstüberhöhung. Aber auch nüchtern bürgerlich regierte Städte wie Hamburg entwickelten ehedem vergleichbaren Ehrgeiz.

Den Trend zum einst chronisch undichten Flachdach befördert der technische Fortschritt: „Ziegeldächer werden von vielen Bauherren als altbacken empfunden, seit etwa zehn Jahren sind Flachdächer auch erfahrungsgemäß bauphysikalisch wirklich dicht“, sagt der bayerische Bauausschuss-Vorsitzende Körber.

Und auch die Grundsätze des klassischen Städtebaus wurden aufgegeben. „Im Städtebau hat die Moderne versagt, es gibt keine schönen Straßenzüge, keine Plätze, keine Achsen, nur noch in der Fläche verteilte gleichförmige Gebäude“, kritisiert Architekt Siedenburg.

Die Mehrheit der Bürger empfindet Altbauviertel als schön, nicht die in der Nachkriegszeit praktizierte Zeilenbauweise mit Häusern quer zur Straßenrichtung, ganz zu schweigen von Großsiedlungen wie dem Märkischen Viertel in Berlin oder München-Neuperlach. dpa