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Erzählungen In „So viele Hähne, so nah beim Haus“ schildert Maarten ‘t Hart vergnügliche und traurige Geschichten

Gott wohnt in der Kloosterwei 333

Archivartikel

Die Bevölkerungsdichte in Holland ist hoch – höher als hierzulande jedenfalls. Noch viel höher muss bei unseren Nachbarn die Dichte an Dichtern sein – mindestens aber ihr Bekanntheitsgrad in der Bevölkerung, sei es nun als Mensch oder in Gestalt ihrer Werke, des geschriebenen Worts. Dieser Eindruck drängt sich bei der Lektüre von Maarten ‘t Harts Erzählungsband „So viele Hähne, so nah beim Haus“ förmlich auf. ‘T Hart erzählt in dem Buch zwischen Wirklichkeit und Fiktion schillernde Geschichten aus seinem Leben.

Schalk des Autors bricht durch

Dabei paraphrasiert er nicht nur in jedem zweiten Satz Stellen aus Büchern von Kollegen: in der Erzählsituation selbst, im Gespräch mit dem jeweiligen Gegenüber. Das die Anspielung nicht selten versteht, sie aufgreift und mit einem eigenen Zitat beantwortet. In jedem zweiten Satz auch wird ‘t Hart von einem Zeitgenossen angesprochen: „Kenne ich Sie nicht? Habe ich Sie nicht neulich im Fernsehen gesehen?“ – wahlweise in einer Talkshow oder einer Sendung übers Gärtnern. „Sind Sie nicht dieser Schriftsteller, wie heißt er noch gleich?“ Bisweilen wird er auch mit einem Schriftstellerkollegen verwechselt, und hier wie da bricht bei diesen Gelegenheiten (und nicht nur bei ihnen!) der Witz und Schalk dieses Autors durch.

Beiläufig, im Gang der Geschichten, lernen wir, neue Facetten seiner Persönlichkeit kennen. Der bibelfeste Atheist und – so nennt er sich selbst – „early riser“ (vulgo: Frühaufsteher) spielt als Liebhaber Bachs gern Orgel bei Hochzeiten, Trauerfeiern oder in Messen – und wären auch nur, den Organisten mitgezählt, vier Gläubige vor Ort.

Eine der anrührendsten Erzählungen ist „Wie Gott erschien in Warmond“. Ein Junge spricht ‘t Hart an: Er möchte Gott bitten, seine todgeweihte Mutter, die an Bauchspeicheldrüsenkrebs leidet, zu heilen. Er fragt ihn nach dem Weg, denn Gott – ein großer Mann mit weißem Bart und melodiöser Bassstimme – hat eine Adresse: Kloosterwei 333. Es ist kein anderer als Fokke Zielstra, ein Bekannter ‘t Harts, wie er sofort erkennt.

Die – am Ende traurige – Geschichte könnte wahr sein, doch sollte man nicht alle Erzählungen beim Wort nehmen. „Im Kasino“ erzählt von der Begegnung mit Elionoor. Die 87-Jährige sitzt täglich vor dem Automaten „True Love“. ‘T Hart soll ihr nicht nur Glücksbringer sein, sondern – Liebhaber. Für ihn lässt sie sich lange Fingernägel wachsen, ihm will sie treu sein. In einer anderen Geschichte verliebt er sich in seine schwedische Übersetzerin. Zum Äußersten kommt es natürlich nicht. Denn da gibt es ja noch Hanneke, seine Frau.

Mann für handfeste Zwecke

Die Geschichten handeln von einer klugen Schönen, die ihre Verehrer für handfeste Zwecke einzuspannen versteht, oder ausgesucht höflichen Räubern; von musikalischen Hunden und geschredderten Leichen – oder von einem, der mittels Hahnenkrähen Rache übt. Und einmal fast von einer Vergewaltigung.

Die Erzählungen sind reich an Anekdoten (einige könnte man selbst als Anekdoten bezeichnen) und enden häufig mit einer Pointe. „Eine sehr kurze Geschichte über Musik“, die von den fünf größten Komponisten handelt, ist selbst eine ausgedehnte Pointe.