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Gutes, altes Mafia-Kino

„The Irishman“: Kurz nach dem Kinostart nimmt Netflix den Scorsese-Film ins Programm

Noch einmal lässt Martin Scorsese den Gangsterfilm aufleben: Immer wieder beschleicht einen in den dreieinhalb Stunden, die „The Irishman“ dauert, das Gefühl, einem Dinosaurier zuzusehen. Nicht nur, weil Regisseur Martin Scorsese in seinem Mafiafilm von einer Welt erzählt, die längst vergangen ist, in der die Männer „Tony Three Fingers“ heißen. „The Irishman“ ist auch ein Film, wie er heute eigentlich nicht mehr gemacht wird. Man muss gar nicht so weit gehen wie Scorsese selbst, für den all die Superheldenfilme, die derzeit Rekorde brechen, gar kein Kino sind, sondern „mehr Freizeitparks“, wie er unlängst in mehreren Interviews kundtat. Aber ein 210 Minuten langes und fast 160 Millionen US-Dollar teures Epos über einen Auftragskiller der Mafia und einen Gewerkschaftsführer, den keiner mehr kennt, der jünger ist als Scorsese selbst – wer finanziert so etwas heute überhaupt noch?

Anstreichen mit Blut

Im Falle von „The Irishman“ war es der Streamingdienst Netflix, der die benötigten Millionen zu Verfügung stellte und den Film nach einer kurzen Auswertung im Kino in sein Programm aufgenommen hat. Wie lange das Unternehmen, das einen Schuldenberg von mehr als zwölf Milliarden Dollar angehäuft hat, sich derartige Prestigeprojekte noch leisten kann, zumal die Konkurrenz mit Disney+ und HBO Max stetig wächst, bleibt allerdings fraglich.

Man sollte Filme wie „The Irishman“ also genießen, so lange es sie noch gibt. Auch wenn es Scorsese dem Zuschauer mit seinem fünften Mafiafilm (nach „Hexenkessel“, „Goodfellas“, „Casino“ und „Departed“) nicht immer leicht macht. Denn er verzichtet weitgehend auf eine klassische Dramaturgie, auf Spannungsbögen, Actionsequenzen und Schießereien. Stattdessen erzählt er ziemlich schnörkellos vom Aufstieg und Fall des Mafiakillers und Gewerkschaftlers Frank „The Irishman“ Sheeran.

„The Irishman“ basiert auf dem Buch „I Heard You Paint Houses“ von Charles Brandt, der darin die wahre Geschichte von Sheeran und Jimmy Hoffa erzählt, einem der mächtigsten Gewerkschaftsbosse, den die USA je gesehen haben. Der Titel des Buches bezieht sich auf die reichlich zynische Beschreibung dessen, was Sheeran und seine Konsorten im Auftrag der Mafia machen: Sie richten Menschen hin, mit wenigen Schüssen, die das Blut spritzen lassen wie rote Farbe auf eine weiße Wand. „Anstreichen“ nennen sie das.

De Niro trifft auf Pacino

Robert De Niro spielt den Iren Frank Sheeran, der als einer von wenigen Nicht-Italienern in der Mafia der 1960er Jahre Karriere macht. „The Irishman“ konzentriert sich auf Sheerans Jahre an der Seite von Mafiaboss Russell Bufalino (Joe Pesci) und später als Mitstreiter von Gewerkschaftsführer Hoffa (Al Pacino). In Rückblenden zeigt der Film aber auch, wie Sheeran zu einer der prägenden Figuren des organisierten Verbrechens wurde, wie er als Lastwagenfahrer zunächst Rinderhälften illegal verkaufte und so die Bekanntschaft von Bufalino machte.

Erzählt wird all das von einem gealterten Sheeran, der vor seinem Tod im Jahr 2003 in einem Altenheim lebte. Für die drei Zeitebenen, in denen „The Irishman“ spielt, wurde Hauptdarsteller De Niro am Computer jünger beziehungsweise älter gemacht – vor allem Letzteres hat hervorragend funktioniert. Hier ist der Film technisch ein Vorreiter und Martin Scorsese gebraucht die diesbezügliche Digital-Vokabel CGI erstaunlich flüssig – in einer sehenswerten Plauderrunde mit De Niro, Pacino und Pesci, die Netflix quasi als Bonusmaterial anbietet.

Sheeran arbeitet sich schnell hoch, vom Lastwagenfahrer zum „Anstreicher“ in Dienste von Bufalino. Der macht ihn mit Hoffa bekannt, der tief in die Machenschaften der Mafia verstrickt ist. Sheeran wird erst eine Art Bodyguard für ihn, später nimmt er selbst eine hohe Position in der Gewerkschaft ein. Doch die enge Beziehung zwischen Mafia und Gewerkschaft bekommt Risse, als Bufalino und Co. mit ihren Geldern John F. Kennedy ins Weiße Haus befördern und dessen Bruder Justizminister wird. Robert F. Kennedy (Jack Huston) sagt den vom Filz durchdrungenen Gewerkschaften den Kampf an und überzieht sie mit Prozessen. Zwischendrin steht Sheeran, halb Mafioso, halb Gewerkschafter.

Martin Scorsese ist in „The Irishman“ weit davon entfernt, das Mafialeben zu romantisieren. Immer wieder zeigt er in kurzen Texteinblendungen, wie die Männer, um die es in seinem Film geht, enden: Kopfschuss, Schuss ins Herz, Messerstich in die Brust ... All das macht den Film etwas spröde; für Emotionen ist wenig Platz. Zumal Hauptfigur Frank Sheeran kein sympathischer Charakter ist, mit dem man mitfiebern oder mitleiden möchte.

Nüchterne Chronik

„The Irishman“ ist eine Chronik, nüchtern, aber opulent. Der Film ist fantastisch ausgestattet und bis in die kleinsten Rollen großartig besetzt. Harvey Keitel und Bobby Cannavale sind dabei, und auch Anna Paquin. Die Oscarpreisträgerin spielt Sheerans erwachsene Tochter und spricht im ganzen Film fast kein Wort. Wie so oft bei Scorsese sind Frauen auch hier nur schmückendes Beiwerk, dürften elegant Rauchwolken in die Luft pusten oder betroffen auf die Männer an ihrer Seite blicken. Auch da ist der Film ein Stück weit aus der Zeit gefallen. Aber vielleicht ist es mit „The Irishman“ wie mit so vielem im Leben: Filme wie diesen wird man schmerzlich vermissen, sollte es sie eines Tages tatsächlich nicht mehr geben. tsch/jpk