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„Hier lebt kein Mensch“

„Dracula“: Die dreiteilige Kooperation von Netflix und der BBC mixt traditionsbewussten Horror mit modernem Serienspaß

Serien, selbst gute Serien, gibt es inzwischen mehr, als man sehen kann – oder mag. Braucht es da wirklich noch eine neue „Dracula“-Verfilmung von Netflix in Kooperation mit der BBC? Nun, die Umsetzung, die das durch „Doctor Who“ und vor allem „Sherlock“ bekannte Duo Mark Gatiss/Steven Moffat kreiert hat, macht tatsächlich Sinn – vorausgesetzt, der Zuschauer hat Spaß an klassisch inszeniertem Horror mit groteskem britischen Humor.

Tatsächlich gelingt den Machern in drei jeweils rund 90-minütigen Folgen das Kunststück, Bram Stokers extrem oft nacherzählte Geschichte des untoten Vampiraristokraten so zu modernisieren, dass das abgebrühte Netflix-Publikum bei der Stange bleiben könnte. Dafür ist ihre Adaption effektvoll, dramatisch, blutrünstig, aber auch witzig genug. Und stimmig aktualisiert. Gleichzeitig setzt die Serie sehr gekonnt auf traditionelle Bilder der unzähligen Vorbilder. Vor allem in der Kulisse des als kafkaeskes Labyrinth angelegten Dracula-Schlosses in Transsylvanien. Aber auch legendäre Darsteller des Fürsten der Finsternis scheinen immer wieder in kleinen Zitaten auf – von Max Schreck oder Bela Lugosi über Christopher Lee und Klaus Kinski bis zur komödiantischen Variante George Hamilton und Gary Oldman, der in Francis Ford Coppolas „Bram Stoker’s Dracula“ alle Vorgänger überragte.

Der gelungene Spagat zwischen Tradition und Moderne zeigt sich von Beginn an: Der englische Anwalt Jonathan Harker (John Heffernan) sieht aus wie ein gemarterter Nosferatu und wird hartnäckig von einer charmanten, aber erstaunlich gotteslästerlichen Nonne (Dolly Wells) mit putzigem holländischem Akzent befragt. Diese psychologisch angelegte Interview-Situation à la „Die Sopranos“ liefert den ersten Höhepunkt der Serie schon vor dem Vorspann: „Hatten Sie Geschlechtsverkehr mit Graf Dracula?“

Rumms, so explizit ist die sexuelle Grundnote der Vampirsaga nie auf den Punkt genagelt worden. Dann blickt Harker zurück auf seine Reise zum Schloss des Grafen, dem er eine Immobilie in London vermitteln soll – und plötzlich könnte es filmisch nicht klassischer inszeniert sein: Verschreckte Dorfbewohner, die den Fremden in der Dämmerung gerade mal auf Sichtweite des „Rocky Horror“-Schlosses kutschieren wollen und ihm ein Kreuz-Amulett aufdrängen. Ein gruseliger Dienstbote des Grafen bringt ihn in ein menschenleeres Schloss. Eine riesige Tafel ist aber fürstlich gedeckt. Erst am späten Abend zeigt sich der Graf, ein gebeugter Greis. Der wird nun von Nacht zu Nacht immer jünger – und britischer. Während Harker abbaut, als hätte er Leukämie. Tagsüber jagt er geheimnisvollen Hilferufen hinterher. Auf seine dringenden Nachfragen antwortet ihm Dracula feixend „Hier lebt kein Mensch“. Wie der Däne Claes Bang („The Affair“) diese Rolle verkörpert, ist spektakulär: Einerseits als hochattraktiver Menschenfänger im „Lucifer“-Stil, dann als blutrünstige Bestie, mal melancholisch, mal zynisch – bis aufs Blut.

Gott, Leben und Tod

Ohne zu viel zu verraten: Entstanden sind drei sehr verschiedene Folgen, die nicht nur Spielfilmlänge haben, sondern auch eine ganz eigenständige Dramaturgie. Wer die Längen im etwas arg Richtung Agatha Christie gedrehten zweiten Teil übersteht, wird im dritten belohnt: Wie Dracula in unserer Welt landet und was er an ihr wie kommentiert, ist nicht nur köstlich ironisch, sondern fast schon Gesellschaftssatire – wobei Anwälte schon im 19. Jahrhundert beim Grafen nicht gut wegkommen. Dazu verdichten sich Sinnfragen über Gott, Leben und Tod letztlich zu mehr als effektheischender Unterhaltung. jpk