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Blick hinter die Kulissen Von Rockliebe über Rucksackunikate bis hin zu erlesenen Obstbränden – in Schenna gibt es heimatverbundene Trendsetter

Hier steckt 100 Prozent Südtirol drin

Archivartikel

Urlaub in Südtirol ist bei den Deutschen äußerst beliebt. Sei es im Frühling, wenn die Apfelbäume in voller Blüte stehen, im Sommer und Herbst, wenn die Bergwelt der Dolomiten zu herrlichen Wandertouren einlädt, oder im Winter, wenn romantisch verschneite Landschaften zu Spaziergängen, Skilanglauf und Pistenspaß animieren. Wunderbar gemütlich und entspannt geht es im November, vor Weihnachten und nach Dreikönig in der oberitalienischen Region zu. Gerade in dieser Zeit erleben beispielsweise Paare, die ohne Kinder reisen, und Genießer hier ein besonderes Flair. Die Natur zeigt sich mal rau und vernebelt, mal im strahlenden Sonnenschein mit Schnee auf den Gipfeln – einfach wunderbar für Wellnessurlaub und Entdeckungen der anderen Art.

Dafür bietet sich das idyllische Schenna auf der sonnigen Südseite oberhalb der Kurstadt Meran gelegen an. Die Gemeinde mit knapp 3000 Einwohnern zählt zu Südtirols aussichtsreichsten Bühnen mit Panoramablicken über das gesamte Mittlere Etschtal. Ihre sechs Ortsteile erstrecken sich von 400 bis 2781 Metern. Schenna ist ganzjährig ein idealer Ausgangspunkt für Bewegungshungrige mit über 200 Kilometer markierten Wegen sowie Erholungssuchende mit einem Beherbergungsangebot für jeden Geldbeutel und Geschmack. Die Menschen hier empfangen die Gäste mit einer Herzlichkeit, die Ihresgleichen sucht. Und innerhalb dieser kleinen Gemeinde gibt es kreative Trendsetter, die echte Südtiroler Heimatliebe mit angesagtem Lifestyle verbinden – ein Stück Südtirol für jedermann und zum Mitnehmen. Wir stellen fünf dieser verborgenen Perlen vor.

Accessoire mit Mehrwert

Schön drapiert auf einem Holztisch sind sie in „Marlene’s Fashion & Café“, Schennastraße 1 in Schenna, ein echter Hingucker: lässige Kordelrucksäcke, die als Turnbeutel Generationen begleiteten. Das Spezielle dieser Modelle: Es sind allesamt Unikate, hergestellt aus Dirndl-Stoffresten. Joachim Premstaller steckt hinter der Idee. Er hat vor mehr als zwei Jahren mit seinem Geschäftspartner Marco Vedovelli das Label „Frida Bag“ gegründet. Premstaller studierte in Mailand Mode. Auf die Idee zu den lässigen Beuteln kam er über das familiäre Geschäft, in dem unter anderem viele Dirndl verkauft werden. Und zum Dirndl braucht’s eine Tasche. Um eine pfiffige Alternative zu den herkömmlichen Leder- und Lodenprodukten zu bieten, die vor allem jungen Mädels und Frauen gefallen soll, kam ihm die Beutelvariante in den Sinn. Sie verbindet Tradition mit Style und drückt ein Stück Heimatverbundenheit aus. Nachhaltig ist sie außerdem: Denn bei der Produktion der Trachtenkleider fallen Stoffreste an und genau die sind eine ideale Basis, um daraus ein Accessoire zu fertigen, das auf moderne Art und Weise mit einem Dirndl und auch anderer Kleidung kombiniert werden kann – raffiniert und alltagstauglich. Die Kollektionen von „Frida Bag“ sind allesamt selbstgenäht, haben einen Kordelzugverschluss und ein Logo auf der Vorderseite. Die Kordeln für die Träger sind Segelseile und damit wasserbeständig. Allerdings sollten sie beim Waschen in der Maschine abgenommen werden. Schrumpfschläuche, die Elektriker verwenden, sorgen dafür, dass sich die Seile nicht aufdröseln. Ein weiterer Grundgedanke bei der Entwicklung von „Frida Bag“ war außerdem, die Beutel so zu fertigen, dass sie volksfesttauglich sind – heißt: Es gibt diese in zwei Größen (reguläre Preise: 34,90/39,90 Euro), die den Vorgaben für das Mitnehmen von Taschen bei Konzerten oder Volksfesten wie der Münchner Wiesn Stand halten. Perfekt also, um neben Taschentüchern, Make-up und dem Handy auch einen Pulli für kühlere Stunden darin zu verstauen. Einen offiziellen Vertrieb gibt es (noch) nicht, die „Frida Bag“ ist bei „Marlene’s“ in Schenna, in zwei Läden in München und einem am Bodensee sowie vornehmlich Online erhältlich. Joachim Premstaller überlegt, die Idee auszubauen und auch T-Shirts, verziert mit Trachten-Stoffresten, anzubieten.

Weitere Infos unter: www.frida-bag.com, www.marlenes.it

Kleidsames aus alten Tischdecken

Bei Isabella Hofer und ihrer Familie vom Landpalais Goyenhof, Ifingerstraße 1 in Schenna, trifft man auf pure Südtiroler Gastlichkeit und Heimatliebe. Damit ist nicht nur das Interieur des Appartementhauses mit den sieben großzügigen Wohnungen im alpinen Stil, der liebvoll eingerichtete Frühstücksraum, in dem die Chefin des Hauses zum Start in den Tag mit regionalen und saisonalen Gaumenfreunden verwöhnt, oder das gemütliche Kaminzimmer mit seinem lodernden Feuer gemeint. Bei Familie Hofer wird Tradition gelebt – Großmutters Zeiten werden neu interpretiert. Das drückt sich durch die Speisenangebote beim Frühstück aus, geht über regionale Tees und Kaffees aus der Südtiroler Kaffeerösterei Kuntrawant bis hin zum selbstgemachten Apfelsaft und dem Wasserangebot: Hinter den Glasflaschen mit der Aufschrift „Mountain Spring“ (Bergwasser) verbirgt sich nämlich nichts anderes wie das glasklare und gesunde Quellwasser der Region. 100 Prozent Südtirol eben. Aber bei Isabella Hofer gibt es auch noch etwas anderes zu entdecken: Sie ist eine findige Designerin. Den Ausschlag dafür gab genau genommen Ehemann Kurt: Für ihn ist es unerklärlich, warum Frauen heutzutage kaum noch Röcke tragen. Und schon war die Idee zu „rock.verliebt“ geboren. Isabella Hofer, eigentlich gelernte Heilmasseurin, fing vor rund drei Jahren an, Röcke zu nähen – und zwar aus alten Tischdecken und Vorhängen. Erbstücke wurden zu Kleidung. Und die trägt sie mit Stolz. Mittlerweile hängen im alten Schrank des Opas im Kaminzimmer sowie daneben auf einer Kleiderstange einige Unikate. In einem großen Korb liegen edle Stoffreste aus Wolle und Brokat. Diese kauft sie auf Messen und fertigt daraus echte Hingucker ohne viel Schnickschnack: Die Wickelröcke in verschiedenen Längen bekommen eine Tasche, die Bordüre lässt sie gerne wie gegeben und die Rockenden werden vornehmlich mit großen Kiltnadeln zusammengehalten – ganz einfach, ganz praktisch. Denn Frau soll schnell und schick angezogen sein. Alltagstauglich und doch besonders. So wie früher Isabellas Oma Notburga, die Röcke zu jeder Jahreszeit trug – im Sommer luftig leicht und im Winter halt mit dicken Socken darunter. Beim Stöbern im alten Schrank des Kaminzimmers findet man schöne Sommerkleider aus karierten Baumwolltischdecken mit Kordeln und kecke Schürzröcke. Hierfür verwendet die Hobbyschneiderin die blauen Bauernschürzen, die bei den Südtiroler Landwirten noch heute weit verbreitet sind. Für die Zweifachmama ist es wichtig, kein Massenprodukt zu fertigen, sie möchte die individuelle Rock-Liebe vorantreiben. Und der verfallen immer mehr Frauen jeden Alters und jeder Konfektionsgröße. Die Kleidungsstücke verkauft sie vor Ort oder auf Internetplattformen wie www.selbergmocht.it (Preise auf Anfrage). Mittlerweile bietet sie auch als Kombination zu den Röcken handgedruckte Blusen und T-Shirts einer Freundin aus Berlin an – so trifft ein Stück Deutschland schon hier auf Südtiroler Leidenschaft.

Weitere Infos unter: slowlivingschenna.blogspot.com, www.instagram.com/rock.verliebt, www.goyenhof.com

Schnaps aus dem Gefängnis

Ab ins Gefängnis! Aber nur zum Schnapserln. Familie Gögele lebt nicht nur in dem schönen, historischen Weinhof „Torgglerhof“, St.-Georgener-Straße 12 in Schenna, und beherbergt dort in ihren neuen Appartements direkt am Weinberg Feriengäste. Sie betreibt neben dem Obst- und Weinanbau auch seit 2016 eine kleine Destillerie. Das Besondere: Der Schnapsbrennkessel befindet sich in einem kleinen Gewölberaum hinter einer schweren Eisentür – im ehemaligen Gefängnis von Alt-Schenna, das im Jahr 1553 erstmals erwähnt wurde. Matthias und Ruth Gögele leben in vierter Generation auf dem Familienhof. Früher wurde hier Wein gekeltert, in erster Linie für den Eigenbedarf. Das Brennen von Schnaps war auch hier – wie auf vielen Höfen noch heute – geläufig, nur eben nicht offiziell. Das haben Gögeles als eine der ersten und nach eigenen Angaben bislang einzigen in Schenna geändert und eine Lizenz zum Brennen eingeholt. Ihre Produkte sind von hoher Qualität, erlesen, rar und sehr begehrt. Um die 1500 Flaschen produziert Matthias Gögele pro Jahr, freilich kein Standbein, um davon zu leben, jedoch ein Stück Tradition in Vollendung frei nach dem Motto: Wir geben rein, was die Natur uns bringt. Die Flaschen für die Brände sind dabei edel designt – schlicht und durch spezielle Kreuzmuster auf den Inhalt abgestimmt. Sieben Apfelsorten bauen Gögeles derzeit an, die auch in den Bränden ihren Niederschlag finden, etwa Fuji, Golden Delicious oder Jonagold. Die Geschmacksknospen von Schnapskennern kitzeln Brände etwa von Envi (einer Kreuzung aus Braeburn und Gala) und der Birne Pera. Verkostungen bieten Gögeles in ihrem gemütlichen Gewölbekeller an – hier haben sogar große Gruppen Platz. Die Brände gibt’s dort zu kaufen (um die 15 Euro) sowie im ausgesuchten regionalem Handel.

Weitere Infos unter: www.torgglerhof.schenna.com

Pioniere in vielen Bereichen

Geht’s um die Anfänge als Feriendestination, kommt man in Schenna nicht an Familie Mair vorbei: Der 2019 verstorbene Franz Mair gilt hier als Tourismuspionier. Er begrüßte gemeinsam mit Frau Anna und einem herzlichen „Grüß Gott“ 1957 die ersten Gäste in seiner Frühstückspension „Hohenwart“, damals war Schenna noch ein verträumtes Bergbauerndorf. Aus dem 18-Betten-Haus mit Etagendusche ist heute ein ganzjährig geöffnetes Hotelimperium in der gehobenen Vierstern-Superior-Klasse geworden mit dem Stammhaus, dem Haus Traube, dem Haus Christine, dem Appartementhaus Bachmair und dem neuen Vista-Spa, einer Wellnessoase mit Tiroler Schwitzstube, Biosauna, Rosen- und Soledampfbad, verschiedenen Ruheräumen, 360-Grad-Solebecken und Panoramasauna auf der Dachterrasse. Neben dem Berggasthof „Gsteier“ mit biologischer Landwirtschaft gehört auch der urige Burschenschank „Pfefferlechner“ in Lana dazu. Dort im Keller befindet sich die familieneigene Brauerei. Und hier entstand neben besonderen Geschmacksrichtungen wie Kastanie auch das erste alkoholfreie Bier Südtirols zusammen mit der Karlsberg-Gruppe. Dass es ohne Promille ist, merkt man dem „Fre(e)dl“ nicht an, es schmeckt wie normales Bier und ist ohne Zucker. Bislang ist es nur in der Region sowie Online über den Pfefferlechner erhältlich.

Weitere Infos unter: www.hohenwart.com, www.pfefferlechner.it

Organic Gin von der Alm

Die Alm ist ihm nicht genug: Helli Gufler aus Schenna ist für seine Kreativität bekannt. Der kunstsinnige Hüttenwirt holt regelmäßig namhafte Blues-, Jazz- und Volksmusiker auf seine Gompm-Alm im Hirzer Wandergebiet auf 1800 Metern. Aber auch Sterne- und Haubenköche sind gern zu Gast in der ohnehin erwähnenswerten Küche des 48-Jährigen. Hellis neuester Coup ist sein Gompm Dry Gin mit Botanicals aus dem Alpenraum, traditionell hergestellt nach dem klassischen London-Dry-Gin-Verfahren mit Bergquellwasser und Heu direkt von der Gompm Alm. Der Name „Edelschwarz“ setzt sich aus den beiden wichtigsten der 17 ausschließlich biologischen Zutaten zusammen: Edelweiß und Schwarzbeeren. Diese werden in kleinen Kupferkesseln aufwendig und behutsam destilliert, um anschließend für zwei Monate zu reifen und sich zu entfalten. Die stylische 0,5-Liter-Flasche kostet ab 56 Euro und ist auf der Gompm Alm, im Fachhandel und in ausgewählten Online-Shops erhältlich. Bild: TVB/ Schwienbacher

www.edelschwarz.it

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