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Festival Lesen.Hören Erika Pluhar und Monika Rinck widmeten sich der österreichischen Dichterin Christine Lavant

Hohe Literatur aus tiefem Tal

Vom Lavanttal im tiefsten österreichischen Kärnten, wo sie im Jahr 1915 geboren worden war und lange lebte, entlieh sie ihren Künstlernamen. Seit 1948 nannte sich Christine Habernig als Schriftstellerin Christine Lavant – mit gutem Grund, denn von dort bezog sie Inspirationen und Stoffe, von einem Ort, den die österreichische Schauspielerin und Autorin Erika Pluhar gar nicht zimperlich „eine bäuerliche Hölle“ nennt.

Pluhar sagt das in der Mannheimer Alten Feuerwache, auf dem Festival Lesen.Hören, wo sie gemeinsam mit der Lyrikerin und Essayistin Monika Rinck einen, so die Ankündigung, „Großen Lavant-Abend“ gestaltet. Und sie schränkt dies insofern ein, als sie hinzufügt, sie habe das heute als Urlaubsregion beworbene Tal vor Jahrzehnten kennengelernt. Die in ärmsten Verhältnissen aufgewachsene, zeitlebens kranke Lavant hat es als Ort mit dem mutmaßlich höchsten Anteil an „Selbstmördern, Irren und Idioten“ in der Alpenrepublik beschrieben.

Das zeigt, dass sich hier auch ein besonderer, selbstironischer Humor entfalten konnte: Lavant selbst versuchte mehrfach, sich das Leben zu nehmen, und weilte länger in einer Nervenheilanstalt. Zum Ort einer besonderen, unverwechselbaren Literatur, die durch die Lektüre von Rilke-Gedichten angeregt war, hat sie das enge Tal außerdem gemacht. Nicht zuletzt der Schriftsteller Thomas Bernhard bemühte sich um die Vermittlung dieses später auch offiziell, etwa mit dem Österreichischen Staatspreis, geehrten Werks. Es verdiene, „in der ganzen Welt bekannt gemacht zu werden“, meinte er. Pluhar und Rinck wollten es nun wenigstens in der Rhein-Neckar-Region (noch) bekannter machen, mit einer Lesung und Erläuterungen, die dem Werk sehr gut entsprachen.

Bildstarke Worte

Erika Pluhars Altstimme intonierte die zumeist lyrischen Texte akzentuiert und klangvoll, vermittelte stets auch Atmosphären und Gemütslagen mit. Und Rinck wählte wohldosiert erklärende, kluge und sensible Worte, um das Besondere dieser Autorin verständlich zu machen – wobei sie wie Pluhar darauf vertraute, dass Lavants Texte auch sehr gut für und durch sich selbst sprechen.

Es sind bildstarke Wortschöpfungen, zupackend und zugleich feinsinnig; karg wirkend einerseits, aber auch erfindungsreich; Lavants Worte klingen ursprünglich, aber nie altertümlich, und keinesfalls setzt sie davon zu viele. Ihre Sprache ist gewissermaßen, so charakterisierte sie es auch selbst, ein in Literatur übersetzter Dialekt. Und typisch für ihre Texte sind zudem religiöse Motive, die anrührend-naiv wirken können, aber niemals sentimental. Das zeichnet schon die 1948 erschienene Debüterzählung „Das Kind“ aus und spätere Texte erst recht.

Das von Pluhar präsentierte „Letzte Wiegenlied“ erwähnt „Engelssänglein“ und manch andere niedlich wirkende Verkleinerungsform; jäh durchkreuzt wird dies am Schluss, wenn es heißt: „Zwei Englein zimmern Särglein.“ Überhaupt die Engel: Auf sie trifft man oft, zum Beispiel in der wohlformulierten, klassische Religionskritik und Glaubenszweifel mitbedenkenden Frage: „Warum, wenn es Engel gibt, obliegt keinem davon die Aufgabe, Dinge, die erst in der äußersten Hölle vorkommen dürften, hier auf Erden zu verhindern?“ Ohnehin liegen Himmel und Hölle bei Christine Lavant nahe beieinander.

Vom Leid ist viel die Rede, aber auch davon, dass jeder Tag als ein „Tag des Herrn“ zu erleben sei. Alle Liebe ersehne ihre Vollendung „zur Gottheit“, die sich freilich immer wieder entzieht. „Gell“, so spricht das lyrische Ich den „Vater unser“ einmal an, „du fürchtest, wir vergiften dich.“ Geradezu lästerlich sind diese Texte immer wieder auch.

Viel ist an diesem Abend von den aus dem Nachlass herausgegebenen „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ die Rede. Lakonisch ist der Stil hier. Bei der Aufnahme in die befremdlich wirkende geschlossene Abteilung ereilt die Erzählerin „pflichtschuldigst ein Weinkrampf“. Gerade hier fragt sie sich: „Warum soll ich nicht auch einmal richtig daheim sein?“ Ganz zu Hause und bei sich war diese Schriftsellerin wohl nur in ihrer Literatur. „Sprache war ihr Leben“, sagte Erika Pluhar. Der gelungene und gut besuchte Abend in der Feuerwache machte dies eindrucksvoll nachvollziehbar.