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Interview mit Lukas Krösslhuber Der Geschäftsführer des TVB Wilder Kaiser über pandemiebedingte Einbußen im Winter und Aktionen für Sommersaison / Seriendrehorte „privater“ erlebbar

In die „Bergdoktor“-Kulisse mit Garantie

Archivartikel

Endlich ein Stück Gewissheit und ein Schritt in Richtung Normalität: Bald können die „Flachlandtiroler“ aus unseren Breiten ihre Sehnsucht nach den Bergen Österreichs wieder stillen. Schon an diesem Wochenende sollen die Kontrollen an der deutschen Grenze vorsichtig gelockert werden und ab 15. Juni das Reisen zu den Nachbarn in der Alpenrepublik sowie unter anderem in die Schweiz und Frankreich entspannt möglich sein. Vorausgesetzt, die Corona-Infektionszahlen entwickeln sich weiterhin positiv. Kontrollen sollen nur noch stichprobenartig stattfinden. So verkündete es am Mittwoch die Bundesregierung.

Es waren vermutlich Felsbrocken, nicht nur Steine, die Tourismusverbänden (TVB), Beherbergungs- und Gastronomiebetrieben in Österreich vom Herzen gefallen sein dürften. Auch Lukas Krösslhuber, dem Geschäftsführer des TVB Wilder Kaiser in Ellmau. Die Tiroler Ferienregion ist bei deutschen Gästen besonders beliebt. Durch die Fernsehserie „Der Bergdoktor“, die dort gedreht wird, pilgern viele Fans aus ganz Europa in die Orte Ellmau, Söll, Going und Scheffau. Nach dem überraschenden Shutdown Mitte März hat der TVB Wilder Kaiser seine Marketingstrategie in wenigen Tagen komplett überarbeitet und eine völlig neue Kampagne (#innaherferne) lanciert. Mit den „Urlaub im Kopf“-Videos auf Facebook oder interaktiven Spaziergängen auf Instagram bekamen die Gäste den Wilden Kaiser vom Beginn der Ausgangsbeschränkungen an nach Hause geliefert. Wir sprachen mit Lukas Krösslhuber über die Pandemie, ihre Auswirkungen für die Region und die geplanten „Bergdoktor“-Events.

Herr Krösslhuber, wie erlebt die Ferienregion Wilder Kaiser die Corona-Krise?

Lukas Krösslhuber: Ich habe das Gefühl, dass die Menschen am Wilden Kaiser die aktuelle Situation sehr gelassen und sehr „naturnah“ erleben.

Gab oder gibt es Personen, die infiziert sind beziehungsweise waren?

Krösslhuber: Es gab in allen Tiroler Bezirken Infektionsfälle, auch in den unsrigen. Gehäufte Fälle in den Orten der Region Wilder Kaiser – Ellmau, Going, Scheffau und Söll – sind uns allerdings nicht bekannt.

Wie haben sich die vergangenen Wochen touristisch ausgewirkt?

Krösslhuber: Seit 16. März sind auch am Wilden Kaiser alle Hotels und Lifte geschlossen. Damit haben wir die letzten vier Wochen der Wintersaison verloren, in denen wir perfektes Skiwetter gehabt hätten – kalt und sonnig. Nun freuen wir uns, dass mit Ende Mai der Inlandstourismus wieder anlaufen kann und sich hoffentlich im Juni wieder Gäste aus den Nachbarländern bei uns erholen – auch und vor allem von der Corona-Krise.

Können schon konkrete Zahlen – also Einbußen – genannt werden?

Krösslhuber: Dank eines sehr guten Winters bis zum Shutdown halten sich die Rückgänge bei den Übernachtungen im Winterhalbjahr mit minus neun Prozent in Grenzen. Für den Sommer ist eine Prognose schwierig, ich rechne derzeit mit einem Rückgang von 30 bis 50 Prozent der Übernachtungen im Vergleich zu Vorjahr.

Die Region Wilder Kaiser besticht durch viele familiengeführte Häuser. Gibt es Rückmeldungen von Unterkunftsbetrieben, die die Krise besonders hart getroffen hat, die schlimmstenfalls schließen müssen?

Krösslhuber: Wie stark die Krise die einzelnen Unternehmen trifft, werden wir wohl erst im Herbst wissen. Derzeit herrscht zwar große Unsicherheit, aber auch Zuversicht in unser Angebot und unsere Stärken. Das in Krisenzeiten gerade in Familienbetrieben alle zusammenhelfen, ist sicher ebenso ein Vorteil wie die gute Vernetzung vor Ort zur Gemeinde, zur Bank im Ort oder auch zum Tourismusverband.

Wie wird besonders betroffenen Gastbetrieben und auch Hütten geholfen?

Krösslhuber: Aktionen wie die Umbuchungsgarantie helfen, Stornierungen zu vermeiden, die Durchführungsgarantie für das Aktivprogramm hilft den Bergführern und Hütten. Darüber hinaus beraten unser Vermietercoaches Gastronomen und Gastgeber, wie sie sich am besten auf die neuen Hygienestandards einstellen und welche Förderungen für sie in Frage kommen.

Mit welchen Strategien möchte die Region die Krise hinter sich lassen?

Krösslhuber: Aktuell gilt es kreativ und flexibel auf die geänderten und sich immer noch ständig ändernden Rahmenbedingungen zu reagieren. Wir haben sofort konkrete Maßnahmen wie das Wilder-Kaiser-Glücksgeschenk, die Durchführungsgarantie oder die Umbuchungsgarantie gesetzt – Letzterer haben sich inzwischen auch etliche andere Tourismusverbände angeschlossen. Aber bei aller derzeit notwendigen Flexibilität bleiben wir trotzdem unseren Grundsätzen und Zielen treu. Und für uns heißt das auch – oder gerade – in und nach der Krise auf nachhaltigen Tourismus und Lebensqualität für alle zu setzen.

Wie möchten Sie Urlaubsgäste aus Deutschland animieren, zum Wilden Kaiser zu kommen?

Krösslhuber: Derzeit sind wir mit allen Wilder-Kaiser-Fans besonders intensiv in Kontakt, vor allem über die sozialen Medien. Es tut sehr gut zu hören, wie sehr sich unsere Stammgäste auf den nächsten Urlaub bei uns freuen und es kaum erwarten können, bis die Reisefreiheit wiederhergestellt ist. Bei Gästen die sich heuer eine neue Urlaubsdestination suchen müssen oder wollen, punkten wir mit unserer Nähe zu Deutschland, der Weitläufigkeit unserer Natur und dem Vertrauen in unser Gesundheitssystem.

Die Region hat vor Jahren einen Weg eingeschlagen unter dem Motto „Qualität vor Quantität“, unter anderem mit Ergebnissen aus einem Bürgerbeteiligungsprojekt und der daraus abgeleiteten Zukunftsvision „Strategie 2024“. Was konnte hier bislang auf den Weg gebracht werden?

Krösslhuber: Dank guter Zugverbindungen, Bahnhofshuttle, kostenlosen Öffis vor Ort und vielen Wanderbussen braucht heute niemand mehr ein eigenes Auto, um in der Region Wilder Kaiser Urlaub zu machen. Auch Hunderte Leih-E-Bikes und die runderneuten Radwege haben bereits eine deutliche Verkehrsentlastung für die Region gebracht.

Hat die Pandemie dieser Strategie geschadet?

Krösslhuber: In manchen Projekten der Strategie 2024 kommt es zu kleineren Verzögerungen beziehungsweise Adaptionen, aber mittelfristig wird die aktuelle Werteverschiebung unsere strategischen Maßnahmen sogar unterstützen. Auch wenn wir uns das weniger radikal und schmerzhaft gewünscht hätten, bin ich froh, dass wir den Plan für die Zeit nach Corona quasi schon vorab erarbeitet haben.

Gibt es Näheres, wann die Gastbetriebe am Wilden Kaiser öffnen dürfen und so der genussvolle Tourismus in Fahrt kommen kann?

Krösslhuber: Ab Freitag, 29. Mai, dürfen die Beherbergungsbetriebe wieder öffnen, die Gastronomie bereits an diesem Freitag, 15. Mai.

Die Region ist seit Jahren Pilgerstätte für die Fans der Fernsehserie „Der Bergdoktor“, die in ORF und ZDF ausgestrahlt wird. Wird eigentlich derzeit gedreht?

Krösslhuber: Die Bergdoktor-Dreharbeiten gehen jedes Jahr von Juni bis Dezember, derzeit wird also planmäßig nicht gedreht. Die Produktion ist zuversichtlich, noch im Juni mit dem Dreh der neuen Staffel beginnen zu können und so den Fans auch 2021 das dann wohl dringend benötigte „Futter für die Seele“ wöchentlich ins Wohnzimmer liefern zu können.

Es gibt viele Fantreffen in der Ferienregion, die ersten mussten aufgrund der Pandemie abgesagt werden. Wieviel Zuversicht besteht seitens des TVB, dass weiter geplante Veranstaltungen in Bezug auf den „Bergdoktor“ und auch darüber hinaus 2020 stattfinden können?

Krösslhuber: Die drei großen „Bergdoktor“-Fantreffen können 2020 leider nicht stattfinden. Das schmerzt natürlich, ist aber nur logisch: Bei den „Bergdoktor“-Events geht es darum, den Stars der TV-Serie „in echt ganz nah zu kommen“. Aber genau diese Nähe ist es, die derzeit nicht einfach nicht möglich ist. Daher war für uns klar, dass wir hier unserer Verantwortung nachkommen und die Events auf 2021 verschieben. Übrigens haben wir uns eine Art „digitales Trostpflaster“ für alle „Bergdoktor“-Fans überlegt – nähere Infos dazu werden demnächst bekannt gegeben. Die Besichtigung der Drehorte wird im Sommer unter etwas geänderten Bedingungen – Stichwort: Besucherlenkung – hingegen möglich sein. Heuer kann man die Drehorte also „privater“ erleben als in einem „normalen“ Jahr.

Was erhoffen Sie sich für die Sommersaison?

Krösslhuber: Soviel Normalität wie möglich, weiterhin einen starken Zusammenhalt in der Region und keine zweite Infektionswelle im Herbst. Und vor allem Gäste, die die wiedergewonnene Reisefreiheit und die Natur in vollen Zügen bei uns genießen.

Wenn Sie Richtung Winter 2020/21 blicken – auf was müssen sich die Ski- und Wintersportbegeisterten Ihrer Ansicht nach einstellen?

Krösslhuber: Ich hoffe auch im kommenden Winter auf so viel Normalität wie möglich. Volle Aprés-Ski-Lokale sowie Busgruppen die einen Tagesskiausflug machen, sind für mich im kommenden Winter aus heutiger Sicht jedoch nur schwer vorstellbar.

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