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Sachbuch Wie der Bezug eines bedingungslosen Grundeinkommens das Leben verändert / Erfahrungsberichte und ein Debattenbuch

Kein Leben in der Hängematte

Im Jahr 2014 begann der IT-Spezialist Michael Bohmeyer ein außergewöhnliches Experiment. Mit einer Crowdfunding-Kampagne sammelte der Berliner 12 000 Euro, die er als Grundeinkommen verloste: 1000 Euro zwölf Monate lang, bedingungslos geschenkt. Die Kampagne, aus der der Verein „Mein Grundeinkommen“ entstand, wurde ein außergewöhnlicher Erfolg. Es gibt heute gut 70 000 Dauerspender, 250 Grundeinkommen wurden finanziert. In seinem Buch „Was würdest du tun? Wie uns das Bedingungslose Grundeinkommen verändert“ ziehen Bohmeyer und seine Kollegin Claudia Cornelsen jetzt Bilanz.

Sie besuchten 24 beliebig ausgewählte Gewinner. Was hatten diese mit ihrem Grundeinkommen angestellt, wie hatte es ihr Leben verändert? An konkreten praktischen Beispielen bereichert das Buch damit eine oft sehr theoretisch geführte Diskussion zu einem der spannendsten Themen der Zeit. Bohmeyer und Cornelsen gehen aber noch weiter: Sie schildern nicht nur die Schicksale der glücklichen Gewinner, sondern stellen diese in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang. So werfen sie einen kritischen Blick auf die derzeitige Arbeitswelt, beschäftigen sich mit Themen wie Hartz IV, ungleicher Vermögensverteilung, sozialer Teilhabe und Existenz- und Zukunftsängsten in einer sich wandelnden Welt.

Echter Querschnitt

Das Buch bildet einen echten Querschnitt der Gesellschaft ab, denn die Gewinner kommen aus allen Schichten. Vom Obdachlosen über die Krankenschwester und den Start-up-Gründer bis zum Beamten reicht das Spektrum. Es sind gerade Lebensläufe darunter und solche mit Brüchen und Abstürzen. So unterschiedlich wie die Biografien, Berufe und finanziellen Umstände der Gewinner ist auch der Umgang mit dem Grundeinkommen.

Es gibt diese anrührenden Geschichten wie die des Obdachlosen Bastian, bei dem der Gewinn eine außergewöhnliche Erfolgsstory in Gang setzt: Er hört auf zu trinken, macht seinen Führerschein, bekommt eine Wohnung in Aussicht gestellt und plant die Eröffnung eines Handyshops, kurzum er ist „der Traum aller Sozialarbeiter“.

Die meisten Geschichten sind aber weniger spektakulär. Viele Gewinner ermutigt das Grundeinkommen, langgehegte Pläne für kleinere Geschäftsideen in die Tat umzusetzen, andere investieren in ihre Fort- und Weiterbildung, manche auch in Konsum und Reisen. Und dann gibt es natürlich diejenigen, die das Geld eigentlich gar nicht brauchen, weil sie sehr gut gestellt sind. Dazu gehört Janek, Mitarbeiter in einer Internetfirma. Er kauft sich von dem Grundeinkommen Aktien. Auch für den Beamten Holger ist das Geld allenfalls ein Sahnehäubchen. Er nimmt an der Verlosung teil, um die Idee einfach mal zu testen. Das Geld gibt er an seine Frau weiter, die sich davon ein Studium finanziert.

Was ist die Quintessenz der Autoren? „Das Abendland ist nicht untergegangen“, halten sie den vielen Skeptikern des bedingungslosen Grundeinkommens entgegen. Es sei kein „Künstler-Aussteiger-Schlaraffenland“ entstanden, es gab keine zerrütteten Familien, kein Hängemattenausverkauf, und selbst der Müll wurde noch weggetragen.“ Trotzdem stellte das Jahr des Grundeinkommens für die meisten Gewinner eine einschneidende Erfahrung dar. Viele waren zum ersten Mal frei von Existenzängsten, erlebten neues Selbstwertgefühl und Zutrauen. Dabei sei es gar nicht darum gegangen, „was die Menschen mit dem Grundeinkommen machen, sondern was die Bedingungslosigkeit mit den Menschen macht“. Ein neues Gefühl in einer Gesellschaft, in der sonst alles und jedes an Bedingungen und Vorleistungen geknüpft ist. Bohmeyer und Cornelsen haben ein wichtiges Debattenbuch geschrieben. Es fällt dabei angenehm auf, dass sie ihrem eigenen Experiment bisweilen auch kritisch gegenüberstehen, ihre Positionen neu denken und gegebenenfalls auch revidieren.