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Kein Vergleich zu „Game of Thrones“

„The Witcher“: Der neuen Netflix-Erfolgsreihe fehlt zwar die Raffinesse der großen Fantasy-Serie, sie unterhält aber passabel

Nach vielen Vorschuss-Lorbeeren, unter anderem als würdiger Nachfolger der Fantasy-Meilenstein-Serie „Game Of Thrones“ (GoT) tauchte „The Witcher“ am 20. Dezember bei Netflix auf. Elf Tage reichten, um die achtteilige Reihe auf der Basis von Andrzej Sapkowskis Geralt-Saga und zahlreichen Bestseller-Computerspielen zur meistgesehenen Produktion des Jahres 2019 auf dem Streaming-Dienst zu machen. Von GoT-Qualität sind die Abenteuer des zum Hexer mutierten Monsterjägers Geralt von Riva in einer schlicht Kontinent betitelten Fantasy-Welt aber weiter entfernt, als Drachen in einer Nacht fliegen können.

Das geht bei den schon im Original platten, oft auch noch sehr spröde übersetzten Dialogen los und beim Setzen der fast unzähligen Figuren weiter. Das gelang bei GoT beides mit shakespeareanischer Genialität, sodass man den Massen von Charakteren mühelos und fasziniert folgen konnte. Bei „The Witcher“ sollte man nebenher Buch führen, als ob man Dostojewski liest. Dann die Schauspielleistung: Der amtierende Superman-Darsteller Henry Cavill spielt den weißhaarigen Titelhelden mit der stoischen Ausdrucksarmut des frühen Arnold Schwarzenegger – das hätte am Hof von Königsmund gerade mal zum letzten Wachmann rechts gereicht.

Mittelprächtiges Ensemble

Um nicht ungerecht zu sein: Die Witcher gelten als emotionslose Wesen, so dass der Mister-Spock-Modus sicher beabsichtigt ist. Allerdings schlägt Geralt aus der Art, weil er nicht nur als hohler Söldner agiert und sich von Frauen auch über Sex hinaus angezogen fühlt. Dementsprechend könnte die Figur etwas Mimik verkraften. Teilweise starke Vorstellungen von Freya Allan als Geralts Schützling Prinzessin Cirilla und Anya Chalotra in der Rolle der Zaubererin Yennifer reißen den mittelprächtigen Eindruck des Ensembles nicht raus. Am schlimmsten: Die Tricktechnik ist irgendwo zwischen Ray Harryhausens Pionierarbeit für „Sindbads siebente Reise“ (1958) und Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Trilogie (2001-2003) stehengeblieben.

Aber: So bekommt die Serie eine gewisse Patina und bringt den Puls der Zuschauer nicht permanent in den Grenzbereich (was ja auch mal schön ist). Da außerdem wenigstens die Action-Sequenzen sehenswert choreographiert sind und die Erzählstruktur hinter den Einzelabenteuern nicht ganz unkomplex über Zeit und Raum verknüpft wird, unterhalten die gut sieben Stunden letztlich passabel. Zumal der (zu) heilige Ernst von „Herr der Ringe“ oder GoT hier gänzlich fehlt. Ein Spaß-Produkt.

So unübersichtlich das Personaltableau daherkommt, so simpel ist die Grundhandlung: Der einsilbige Geralt will nur seinen Job machen – also für viel Gold Monster und Fabelwesen töten. Denn ansonsten ist er ziemlich angeekelt von seiner durch Krieg, Gier, Verbrechen und Fremdenhass geprägten mittelalterlichen Welt. Aber dann wachsen ihm doch ein paar andere Wesen ans Herz, etwa der alberne, geschwätzige Barde Rittersporn (Joey Batey), der sich ihm quasi als PR-Agent in Form eines Heldendichters aufdrängt. Und dann ist da natürlich die große Mission, die sich erst nach mehreren Folgen abzeichnet: die Rettung der jungen Prinzessin Cirilla Fiona Elen Rianno von Cintra. jpk