Seite 1 - MM

Weinheim Vor dem Wohnhaus der verstorbenen Heidi Mohr im Kurbrunnenweg steht jetzt eine Gedenktafel / Private Spendeninitiative

Kleine Erinnerung an eine ganz Große

Archivartikel

Oberbürgermeister Manuel Just, der mit seiner Rede die Gedenktafel am Wohnhaus von Heidi Mohr enthüllte, traf am Samstag den richtigen Ton: „Ich bedauere es außerordentlich, dass wir Heidi Mohr heute nur posthum gedenken. Sie war eine angenehm unmoderne und unangepasste Fußballerin. Kein glatter Beckenbauer, sondern eine Arbeiterin auf dem Rasen. Die Stadt Weinheim weiß – zumindest hier und heute – was sie an ihrer Heidi hat.“

Hatte. Denn am 7. Februar 2019 verstarb die Weltklassefußballerin aus Weinheim nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von nur 51 Jahren. Und so schwang in Justs Rede auch das Bewusstsein mit, dass die Stadt zu Lebzeiten ihrer berühmtesten Einwohnerin einiges versäumt hatte. Das hatte Frieda Mohr, die ihr Herz mindestens so auf der Zunge trägt wie ihre berühmte Tochter, sicher auch beim neuen OB Just auf „gut Woinemerisch“ klargestellt.

Friedrich Scheurich Initiator

Die Stadt hatte aufgeräumt in Weinheims geschichtsträchtigem Viertel am Stahlbad. Der Kurbrunnenweg war sauber, die Begrünung gestutzt. Nur das Bepflanzen des Blumenbeets, das direkt an die Gedenktafel angrenzt, das hatten die Verantwortlichen übersehen. Erster Bürgermeister Dr. Torsten Fetzner versprach: „Das holen wir nach, Frau Mohr. Da kommen Rosen hin.“

Friedrich Scheurich beobachtete das Ganze im Hintergrund. Der Mann, der schnell die Idee zur Gedenktafel hatte und diese dann auch nach vielen Besuchen im Mohrschen Haus grafisch umsetzen ließ, sorgte mit seiner Frau für die Bewirtung der Freunde und Familie, die auf Einladung den Weg ins Stahlbad gefunden hatten. „Ich engagiere mich immer da, wo ich denke, dass es nötig wäre. Und da, wo immer tausend Abers auftauchen, warum etwas nicht geht.“ So auch bei der Gedenktafel für den ehemaligen Ortsvorsteher Hans Salbinger oder im Zirkus Multi Kulti. Dass er die gut 500 Euro nicht aus eigener Tasche zahlen musste, dafür sorgte eine Spendenaktion. Franz Piva und Dr. Torsten Fetzner hatten bei ihren Stadtführungen gesammelt, der Verein „Pro West“ gab seinen Teil dazu. Dessen Vorsitzende, SPD-Stadträtin Stella Kirgiane-Efremidou, hielt mit ihrer Kritik an der städtischen Vergangenheit nicht hinterm Berg. „Wäre Heidi ein Mann gewesen, hätte sie – nicht nur von der Stadt, sondern bundesweit – eine ganz andere Ehrung erfahren. Egal, was die städtische Ehrungssatzung vorschreibt. Sie war unser Mädel, ist immer eine von uns geblieben. Das hier ist jetzt das Mindeste, was wir tun können.“

„Nicht das einzige Andenken“

Das sah auch OB Manuel Just so. „Würde sie heute spielen, wäre sie ein Weltstar. Für mich war sie der Gerd Müller des Frauenfußballs. Ein Kind der Weststadt, des Stahlbads in seiner ganzen Echtheit. Eines Stadtviertels, in dem so viel Geschichte und Potenzial steckt. Und ich kann mir vorstellen, dass diese Gedenktafel nicht das einzige bleibende Andenken sein wird.“ Just spielte damit auf die Nachfrage unserer Zeitung beim Gemeinderat an, wie er zu einer Heidi-Mohr-Straße oder einer Heidi-Mohr-Sporthalle steht. Die Rückmeldungen dazu waren durchweg positiv.

Franz Schalk, zu der Zeit Präsident, als die Ausnahmefußballerin mit dem TuS Niederkirchen 1993 Deutscher Meister und Super-Cup-Sieger wurde, war einer der geladenen Gäste, der die Stimmung an dem Ort, an dem Heidi Mohr lebte und Eindruck hinterließ, auf den Punkt brachte. „Es ist alles so unwirklich. Man denkt einfach, sie müsste jeden Moment mit einem flapsigen Spruch um die Ecke kommen.“ In Niederkirchen sei Heidi Mohr noch immer Kult. „Da kennt sie jeder noch so kleine Junge.“

Zum Thema „kleine Jungen“ hatte Heidis Mutter Frieda, ihre engste Bezugsperson, auch etwas beizusteuern. Die Gedenktafel hatte Friedrich Scheurich schon zwei Wochen vor der offiziellen Enthüllung am Samstag aufgestellt. „Als drei vom Abrutschen bedrohte Jungs mit dem Rad an unserem Haus vorbeifuhren, drehten sie noch einmal um. Einer las den anderen beiden vor und sagte dann: ‚Sie ist die Beste, sie war die Beste und wird immer die Beste sein.‘ Das tat gut.“ Und es macht Hoffnung. Dass verloren geglaubte Kinder aus Weinheims oft vergessenem Viertel aus Heidi Mohrs Geschichte auch Positives ziehen können. Allein das macht diese Gedenktafel so besonders.