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Krimi US-Autorin Elizabeth George greift in ihrem Roman „Wer Strafe verdient“ das brisante Thema Kindesmissbrauch in der Kirche auf

Kleinstadt mit düsteren Schattenseiten

Pädophilie in Kirchenkreisen beschäftigt die Einwohner der mittelalterlichen englischen Stadt Ludlow. Zwar kann sich niemand so recht vorstellen, dass ihr unermüdlich hilfsbereiter Diakon Ian Druitt Kinder missbraucht haben soll, wie ein anonymer Anrufer behauptet hat. Aber ist sein Suizid in Polizeigewahrsam nicht vielleicht doch ein Eingeständnis?

Druitts Vater, ein einflussreicher Unterstützer der regierenden Partei in London, glaubt jedoch weder an Pädophilie noch an den Suizid und macht seinen Einfluss auf die Politik geltend: Scotland Yard soll die Angelegenheit untersuchen und seinen Sohn von jeder Schuld reinwaschen.

Zerstrittene Ermittlerinnen

Doch statt ihres Aushängeschilds, den blaublütigen und vornehmen Inspektor Thomas Lynley, schickt die US-amerikanische Bestsellerautorin Elizabeth George dessen Chefin und ehemalige Geliebte Isabelle Ardery an den Ort des Verbrechens. „Wer Strafe verdient“ heißt der neue Roman der Schriftstellerin (Jahrgang 1949). Und bei der Lektüre zeigt sich, dass sich unter dem gutbürgerlichen Deckmantel von Ludlow viel Strafbares verbirgt, das nach Aufklärung verlangt.

Pech für Sergeant Barbara Havers: Detective Chief Superintendent Ardery nimmt ausgerechnet sie mit in die Provinz, obwohl sich beide Frauen nicht ausstehen können. Lynley argwöhnt, dass Ardery nur einen Grund sucht, um die stets am Rande der Legalität agierende Havers bei einem Dienstvergehen zu erwischen. Aber Havers merkt bald, dass Ardery kein Interesse an ausführlicher Ermittlung hat und nur so schnell wie möglich das Ergebnis der örtlichen Polizei bestätigen und nach London zurückkehren will. Einer der Gründe: ihre uneingestandene Trunksucht. Ein anderer: erhebliche Probleme mit ihrem Ex-Mann. Und schon setzt sich Havers über Arderys Anordnungen hinweg. Zurück in London, drängt sie Barbara, ihren Bericht zu fälschen, was auffliegt.

Nun wird Lynley nach Ludlow und Umgebung geschickt. Wieder mit Havers im Gefolge. Nicht nur die Behörden vor Ort, sondern auch Lügengespinste aus allen Kreisen machen dem in 20 Vorgängergeschichten äußerst erfolgreichen Ermittler-Duo schwer zu schaffen.

Manchmal etwas geschwätzig

Dass die Recherchen mitunter recht zäh verlaufen, ist auch dem redundanten Stil der Autorin geschuldet. Ihre detailgetreue Schilderung von Umfeld, Personen, Ereignissen, Gesprächen und Gedanken wirkt auf Dauer geschwätzig. Was zu einem wie auch schon in ihren letzten Büchern bemängelten, nicht notwendigen Umfang von mehr als 850 Seiten geführt hat.

Man muss der Autorin zu Gute halten, dass ihre Geschichte interessant ist, der Fall sehr realistisch erscheint und ihr bewährtes Ermittler-Gespann sympathisch wie immer rüberkommt. Vor allem aber wirkt die von ihr beschriebene klassische Detektivarbeit wesentlich authentischer als die so oft in Film und Fernsehen demonstrierte hochtechnologisierte Lösung konstruierter Kriminalfälle. Ja, George belegt mit Empathie, dass große Verbrechen kleinen, aber bedeutungsschweren Fehlern oder Fehleinschätzungen entspringen können, die ihre Wurzeln in individuellen Erfahrungen, falscher Erziehung und/oder in persönlicher Überschätzung haben.

Mit ihrem scharfen Focus auf die Schwächen der Menschen beweist die ausgebildete Psychologin, der es als Amerikanerin gelang, in die Phalanx der großen britischen Kriminalschriftstellerinnen aufzusteigen, ihre Stärke: die Zeichnung vor allem von problembeladenen Personen, wozu natürlich auch Lynley und Havers gehören. Noch eins, von dem die Autorin ausgeklammert ist: Der Verlag sollte sich fragen, „Wer Strafe verdient“, denn dieses alles in allem fesselnde Opus weist Grammatikfehler auf, vor denen man nicht die Augen verschließen kann.