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Kriminalroman Autor Jan Weiler legt mit „Kühn hat Hunger“ eine Parabel zum Thema Geschlechterrollen vor

Kommissar Kühn hat es schwer

Jan Weiler wehrt sich gegen den Verdacht, ein Krimi-Autor zu sein. Zwar bringt er mit „Kühn hat Hunger“ nun seinen dritten Roman über den Kommissar Martin Kühn auf den Markt. Doch auch dabei geht es wieder um viel mehr als nur die Aufklärung eines Verbrechens.

Sie schreitet unaufhaltsam voran, die „Enteierung der Männer“ und die „Verschwanzung der Frauen“. Wo ist sie nur hin, die gute, alte Zeit, als Männer noch Männer waren und Frauen noch Frauen? Wenn jetzt Frauen „zum starken Geschlecht umgebaut“ werden sollen, wo bleibt er denn da nur, der arme, alte, weiße Mann?

Erfolgsautor Jan Weiler („Maria, ihm schmeckt’s nicht“) hat ein neues Buch. „Kühn hat Hunger“ heißt der dritte Teil seiner Reihe über den in und um München ermittelnden Kommissar Martin Kühn - und es geht um nicht weniger als die grundsätzliche, grönemeyerische Frage: „Wann ist der Mann ein Mann?“

Besonders männlich

Kühn ist auf Diät in Weilers neuer Geschichte - daher der Hunger. Und bei dieser Diät hilft ihm der große neue Männerratgeber von einem Autor namens Ferdie Caparacq, einer Ikone einer neuen, besonders männlichen Männlichkeit. Die bahnbrechende „Enteierungs“-und-„Verschwanzungs“-Analyse geht auf Caparacqs Konto. Kern des Abnehm- und Motivationsprogramms ist ein Satz: „Ho, hu, hu, Du geiler Typ.“ Zu brüllen jeden Morgen vor dem Spiegel.

Kühn will brüllen und abnehmen und wieder attraktiv sein für seine Frau Susanne, die ihm zu entgleiten droht - nicht zuletzt nach seiner Affäre mit der aus Sicht des Kommissars beunruhigend unaufgeregt und unabhängig auftretenden Kollegin Leininger.

Zeitgleich lernt der verklemmte, pornosüchtige Polizist Sebastian den Frauenhasser Hartmut und die Stripperin Nicky kennen - keine gute Kombination. Die Wege von Kühn, Sebastian und Hartmut kreuzen sich, als Nicky tot in einer Baugrube in Aubing gefunden wird. Kühn muss nicht nur herausfinden, wie sie dahin gekommen ist, sondern auch, wie er selbst klarkommen kann mit seiner empfindlich gestörten Männlichkeit. Dabei hilft ihm auch nicht, dass dieser angeblich so übermännliche Ratgeber-Autor nicht hält, was er verspricht. „Kühn hat Hunger“ ist Weilers dritter Band über den Kommissar nach „Kühn hat zu tun“ und „Kühn hat Ärger“. Gegen den Verdacht, es handle sich dabei um Krimis, wehrt der Autor sich. Weilers Kunstgriff dabei: Die Kriminalgeschichte wird mit einer großen Meta-Ebene angereichert und so eher gesellschaftliche Parabel als Krimi. In „Kühn hat zu tun“ ging es um verdrängte Vergangenheit, in „Kühn hat Ärger“ um die riesige Kluft zwischen Arm und Reich, und in „Kühn hat Hunger“ geht es nun um überkommene Geschlechterrollen und toxische Männlichkeit.

Gegen Besitzstandswahrung

„Es gibt einfach Männer, die sich davon beleidigt, angegriffen, unterworfen, gedemütigt fühlen und die natürlich dann nicht adäquat darauf reagieren können“, sagt Weiler im Interview der Deutschen Presse-Agentur in München. „Das ist etwas sehr Menschliches. Die Männer sind die, die etwas zu verlieren haben.“

Trotzdem ist Weiler gnadenlos zu seinen Geschlechtsgenossen. Sein Buch entlarvt die Ängste des alten, weißen Mannes als Versuch der Besitzstandswahrung. Besonders in der Beschreibung von Sebastian und Hartmut und dem, was sie tun, ist es brutal. Bei Kühn schwingt – dank teils liebevoller Ironie – ein wenig mehr Verständnis mit. „Ich halte das Buch für total feministisch“, sagt Weiler. „Es wirbt zwar auch um Verständnis für diesen Martin, aber eigentlich ist es ein Buch für Frauen.“