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Literatur Claudio Magris und seine literarischen „Schnappschüsse“

Kurz belichtet und ohne Stütze

Die Klippen an der Riviera von Barcola in Triest, eine tote Taube unterhalb einer Habsburgerstatue; ein Wirt, der von seiner Zeit im Krieg erzählt, ein deutscher Bankmanager, der seine Frau für die Ex-Frau von Willy Brandt verlässt; eine moderne Kunstgalerie in New York, Paare bei einem Kongress, die Vorlesungen eines berühmten Mathematikers; die früher so schweigsame Witwe eines Wirts, die nach seinem Tod nun mitteilsam und neugierig geworden ist – die Anlässe für die kleinen Erzählungen des Schriftstellers und Germanisten Claudio Magris aus dem italienischen Triest sind so vielfältig wie, so scheint es , auch zufällig.

Staunender Mathematiker

Es sind Schnappschüsse: Fotos, „mit einer sehr kurzen Belichtungszeit aufgenommen und ohne Verwendung einer Stütze“ – so jedenfalls ein italienisches Wörterbuch. Kurz belichtet und ohne Stütze sind auch diese kleinen Betrachtungen von Magris, die er in seinem neuen Buch präsentiert.

So erzählt er, wie der Mathematiker erstaunt ist, dass seine Vorlesungen im berühmten Collège de France bis auf den letzten Platz besetzt sind, obwohl kaum jemand seine hoch entwickelten Theorien verstehen wird. Bis er einmal eine Zuhörerin anspricht und sie ihm erzählt, warum sie hier ist: „Weil nach Ihnen in diesem Hörsaal Roland Barthes spricht, und sonst bekommt man keinen Platz mehr.“ Für Magris die Möglichkeit für den Mathematiker, „eine unerreichbare metaphysische Würde“ zu erlangen, wenn er nämlich sicher wäre, dass ihn überhaupt niemand versteht, „eine schwindelerregende Freiheit, eine glorreiche Sinnlosigkeit“.

Magris erzählt von schlafenden Kollegen bei Kongressen und von getöteten, eingefrorenen Embryonen, von der Unkenntnis mancher Menschen in Bezug auf moderne Kunst und von „Abendessen eines bestimmten Niveaus“, womit er die teuren Speisen meint, nicht die niveauvollen Unterhaltungen.

Stets bemüht er sich, den kleinen Beobachtungen einen großen Sinn zu geben, was ihm nicht immer gelingt. Öfter verheddert er sich in seinem mitunter zwanghaften Bemühen darum, und oft spricht eine gewisse Überheblichkeit aus seinen Prosastücken, wenn er sich über die anderen erhebt und sogar lustig macht – wie einmal in recht billiger Weise über die Galeriebesucherin, die den schwarzen Stoff, der aus einem politischen Protest heraus die Bilder verhängt, für die Kunst hält. Oder über Brigitte Seebacher und ihre „etwas kitschigen Behauptungen über die Liebe auf den ersten Blick und das Leben, das natürlich schön ist“ – sie „lassen nicht viel erhoffen.“ Solche eitlen Anmaßungen verleiden einem eher die Lektüre.