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Literatur Karen Köhler entwirft in ihrem Debütroman „Miroloi“ ein trostloses Szenario / Auf einer Insel werden Frauen von Männern unterdrückt

Lesen gegen das Patriarchat

Archivartikel

Die Hamburger Autorin Karen Köhler schreibt am liebsten über starke Frauen, die sich gegen gesellschaftliche Zwänge und altmodische Rollenbilder stellen. Auch in ihrem Debütroman „Miroloi“ ist das so. Hauptfigur des Buches ist ein eltern- und namenloses junges Mädchen, das auf einer fiktiven Insel aufwächst. Auf der Insel gelten strenge Regeln. Die Gesellschaft ist unterteilt nach Mann und Frau. Die Männer können lesen, haben das Sagen und trinken ansonsten im Schatten der Inselbäume. Die Frauen müssen Analphabeten bleiben, sie arbeiten statt Bücher zu Lesen auf dem Feld und im Garten und haben keinerlei Rechte.

Dem Findelkind wird die Schuld an allem Schlechten gegeben, das auf der Insel passiert. Seinetwegen war die Ernte schlecht, seinetwegen ist ein Kind tot geboren worden. Jahrelang nimmt das Mädchen das geduckt hin, bis es sich durch die Welt des Lesens einen völlig neuen Kosmos eröffnet. Die junge Frau nimmt sich das Recht, zu verstehen und hinter die von Männern geschaffenen Fassaden zu schauen. Und schließlich steht sie auf für einen Kampf gegen das Patriarchat, der schon längst überfällig war.

Der Begriff „Miroloi“ kommt aus dem Griechischen und ist eine Totenklage. Dabei wird in dem Lied das Leben des Verstorbenen von Frauen nachgesungen. Köhler lässt ihre Protagonistin quasi ihre Lebensgeschichte singen, weil es sonst keiner für sie tun würde.

Klare, treffende Worte

Das ganze Buch ist Kunst. Das beginnt beim Einband, der weiße Wellen in kräftigem Blau zeigt. Und schon hier deutet sich äußerlich an, was im Inneren folgt. Klare Worte, so einfach wie treffend. Und es geht weiter bei den Wörtern, bei den Sätzen. Die Hamburgerin (er-)findet Worte für ihre Geschichte, die neu und dennoch beeindruckend passend sind. Jeder Satz ist enorm durchdacht und doch mit einer angenehm lesbaren Leichtigkeit geschrieben. Köhler nutzt ihren Roman, für den sie zudem eine ganze Gesellschaft samt eigener Religion erfunden hat, für eine umfassende Gesellschaftskritik. Gleichförmigkeit, Intoleranz, Angst vor Fremdem, Unterdrückung von Frauen, Umweltverschmutzung – all diese Themen berührt „Miroloi“.

In „Miroloi“ erzählt Köhler keine gänzlich neue Geschichte. Frauen, die für mehr Rechte kämpfen, hat es schon oft gegeben. Gleichzeitig hat der Roman die Macht, beim Leser ein inneres Echo auszulösen. Auf eine mittelbare Art und Weise könnte das Buch sogar Auswirkungen auf die reale Welt zu haben.

Bevor Köhler an „Miroloi“ schrieb, arbeitete sie eigentlich an einer ganz anderen Geschichte. „Aber ich hatte dabei immer die Stimme von der jetzigen Hauptfigur im Ohr“, sagte die 45-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. „Und der bin ich dann einfach gefolgt. Im Grunde genommen ist der ganze Roman „Miroloi“ ein Prokrastinationsroman, weil ich mit dem anderen nicht vorwärts kam“, so die Hamburgerin, die mittlerweile auch Theater- und Filmdrehbücher schreibt und zudem mehr als zwölf Jahre lang als Schauspielerin auf der Bühne stand.

Medien loben Spannung

„Das eigene Schreiben hat mir die Freiheit gegeben, meine Themen umzusetzen, meine Frauenbilder zu entwerfen und Vorbilder für mich und die Leserschaft zu schaffen, die mir mehr entsprechen und die ich gerne in der Literatur verankert wissen möchte.“

Das seien starke Frauen. Frauen, die Entscheidungen treffen und sich selbst ermächtigen, ohne um Erlaubnis zu fragen. In der Literatur gebe es viele Schriftsteller und entsprechend viele männliche Hauptfiguren. „Ich hatte das dringende Bedürfnis, dem etwas entgegenzusetzen. Ganz egoistisch. Weil ich dachte, ich will gern etwas anderes lesen“, sagt Köhler.

Sie habe ihren Roman bewusst nicht in einer bestimmten Region oder einer bestimmten Zeit verortet. „Um eine größtmögliche Projektionsfläche zu bieten und eine Universalität zu schaffen, die es ermöglicht, aus möglichst vielen Perspektiven darauf zu schauen.“

„Miroloi“ ist Köhlers erster Roman. Zuvor hatte sie mit dem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ die Kritiker begeistert. Schon vor der Veröffentlichung ihres Debütromans ist das Buch in Medien als „spannendstes Buch des Sommers“ und „Buch des Monats“ (NDR) bezeichnet worden.