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Interview Ivo Leonhardt, Vorsitzender der Schiedsrichtervereinigung Mannheim, spricht über Nachwuchsgewinnung, Erhöhung der Spesen, Respekt auf dem Platz und den Videobeweis

„Man lernt, auch mal wegzuhören“

Archivartikel

Ohne Schiedsrichter funktioniert ein Fußballspiel nicht. Es wird aber immer schwieriger, Menschen für diese Aufgabe zu begeistern. Wir haben darüber mit Ivo Leonhardt gesprochen. Der 36-jährige Hockenheimer ist seit vielen Jahren als unparteiischer aktiv und zudem Vorsitzender der Schiedsrichtervereinigung Mannheim.

Wie stellt sich denn kurz vor Saisonbeginn die Schiedsrichtersituation Kreis Mannheim dar?

Ivo Leonhardt: Die Schiedsrichter freuen sich, wie die Vereine auch, auf die neue Saison. Wir haben einige Schiedsrichter von der B- in die A-Klasse hochgestuft, die in der abgelaufenen Saison gute Leistungen gezeigt und beim Fitnesstest überzeugt haben. Ebenso eine Ebene darüber in der Kreisliga. Ein bestandener Regeltest ist sowieso Grundvoraussetzung für alle Schiedsrichter, auch in der Jugend. Höherklassig sind wir gut aufgestellt und haben anerkannte Schiedsrichter auf BFV- und auf DFB-Ebene. Hier müssen wir uns aber mittelfristig verjüngen. Das muss Ansporn sein für Neulinge und junge Schiedsrichter, die heute vielleicht noch gar nicht an höhere Klassen denken.

Sie sind schon lange im Geschäft. Wie hat sich denn auf dem Platz das Verhalten gegenüber den Schiedsrichtern verändert?

Leonhardt: Es gibt die negativen Erlebnisse als Schiedsrichter oder Funktionär, genauso gibt es aber auch viel Positives auf und neben dem Platz. Ein „früher war alles besser“-Denken hilft im Leben sowieso nicht weiter. Man muss das Hier und Jetzt annehmen, damit umgehen und schauen, was man für die Zukunft verändern kann. Ganz grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass Jugendliche oder junge Erwachsene heute anders auf Schiedsrichter reagieren. Vor 17 Jahren, in meiner Anfangszeit als junger Schiedsrichter, war man stärker als Autorität respektiert, wenn man ein Jugendspiel im Kreis pfiff. Das ist heute anders.

Der Badische Fußballverband hat die Erhöhung der Schiedsrichter-Spesen zum 1. Juli sowie Anreize und Entlastung für Vereine beschlossen. Glauben Sie, dass das helfen wird? Ist das genug?

Leonhardt: Es ist sicher ein wichtiger und richtiger Schritt, ein Zeichen der Wertschätzung. Ebenso wissen alle im Verband, dass man nicht einfach die Vereine finanziell stärker belasten kann, denn viele haben genug Probleme, eigenen Nachwuchs, Ehrenamtliche und Sponsoren zu finden. Ich persönlich habe mich dennoch vehement für die Erhöhung der Schiedsrichter-Spesen eingesetzt, im Sinne meiner Kollegen. Ich bin schließlich von ihnen gewählt, um mich für ihre Interessen der Schiedsrichter einzusetzen. Man kann insgesamt nie genug unternehmen, es gibt immer Potenzial, was man im Amateurfußball und im Ehrenamt ganz allgemein verbessern könnte.

Wenn man liest, dass ein Schiedsrichter für ein C-Junioren-Kreisligaspiel künftig 15 Euro bekommt, muss man eigentlich den Kopf schütteln. 15 Euro für einen Zeitaufwand von insgesamt weit über zwei Stunden und dann muss man sich auch noch beschimpfen lassen. Ist das das Problem?

Leonhardt: Natürlich würde ich mir wünschen, dass gerade die Schiedsrichter an der Basis mehr Geld bekämen. Das „Kopf schütteln“ würde ich so trotzdem nicht stehen lassen. Geld ist nicht unser Antrieb. Kein Bundesligaschiedsrichter hat mal angefangen, weil er daran dachte, später mal gutes Geld damit zu verdienen und ich glaube, wir hätten nicht mehr oder bessere Schiedsrichter, wenn es 20 statt 15 Euro in der C-Jugend gäbe. Schiedsrichterei ist unser Hobby. Und für sein Hobby sogar noch Geld zu bekommen, das muss man auch als Privileg sehen. Schiedsrichter anderer Sportarten träumen davon. Es geht im Amateurbereich, man führe sich einfach ab und an mal den Wortsinn „Amateur“ vor Augen, immer zuerst um Leidenschaft und Spaß an der Sache. Als ich damals anfing als Schiedsrichter, wusste ich zunächst gar nicht, dass es dafür Geld gibt. Ich hätte es trotzdem gemacht, einfach weil ich Lust drauf hatte. Es ist ein Ehrenamt. Und man muss sehen, irgendjemand muss auch erstmal die genannten 15 Euro für den Schiedsrichter aufbringen. Hierfür muss auch ein Verein erst einmal Einnahmen generieren. In Form von Mitgliedsbeiträgen, Eintrittsgeldern oder durch Sponsoren. Mit Beschimpfungen kommt man als Schiedsrichter im Lauf der Zeit meist ganz gut zurecht. Es ist nun mal so, dass Schiedsrichter, genauso wie zum Beispiel Polizisten, selten Applaus für ihren Job bekommen aber schnell kritisiert werden. Man lernt, auch mal wegzuhören aber auch dagegenzuhalten, wenn es zu viel wird.

Was müsste in Sachen Nachwuchsgewinnung noch besser werden?

Leonhardt: Man kann immer etwas verbessern. Sei es bei uns in der Ausbildung im Fußballkreis, beim bfv, bei den Vereinen. Jeder kann sich verbessern, es wird aber bereits viel unternommen. Ein Hindernis ist die begrenzte Zeit, die man als ehrenamtlicher Funktionär neben Beruf und Privatleben zur Verfügung hat. Das werden viele leidenschaftliche Ehrenamtler bestätigen können. Wenn ich wollte, könnte ich die Gewinnung und Betreuung von Schiedsrichtern, verbunden mit allen weiteren Aufgaben, zur 40-Stunden-Woche machen. Ehrenamtlich ist dies aber nicht möglich. Also versuchen wir, im Rahmen unserer Möglichkeiten einen guten Job zu machen und die gemeinsam mit den Verbänden erarbeiteten Vorgaben zeitgemäß umzusetzen.

Kürzlich machte ein Fall bundesweit Schlagzeilen, als ein Schiedsrichter über den Platz gejagt und bedroht wird. Wie sehr nimmt Sie so etwas mit?

Leonhardt: So etwas macht mich traurig und darf eigentlich nicht passieren. Die Skandalisierung solcher Ereignisse in Boulevard- und Online-Medien ist aber Teil des Problems. Es wird nicht sachlich berichtet. Es geht um Klicks und Sensation. Daher sollte man bei solchen Meldungen in Ruhe analysieren. Angst und Dramatisierung sind schlechte Ratgeber. Solche Fälle gab es auch in der Vergangenheit und jeder Fall ist überflüssig. Aber früher waren noch nicht etliche Handykameras am Platz und die breite Öffentlichkeit bekam das nicht so mit. Was im Lokalsport so passierte, war nicht plötzlich bundesweit mit einem Klick verfügbar. Ich kann mich allein aus meiner eigenen Erfahrung an verschiedene negative Ereignisse als Jugendfußballer im Kreis Mannheim erinnern, das ist über 20 Jahre her. Da waren aber keine Kameras dabei, also war das Montagmittags wieder erledigt. Durchatmen, sachlich bewerten und in Ruhe die richtigen Schlüsse ziehen. Das ist für uns Schiedsrichter und Funktionäre die Devise.

Wie schult ihr junge Schiedsrichter, damit sie mit dem Druck auf dem Feld und von außen umgehen können?

Leonhardt: Junge Schiedsrichter werden von Betreuern intensiv begleitet und unterstützt. Das kann bis zur Hilfe bei Entscheidungen auf dem Spielfeld in den ersten Spielen gehen. Wir vermitteln verstärkt praxisorientierte Inhalte in der Schiriausbildung. Weg vom theoretischen Frontalunterricht. Bei jungen Schiris wollen wir die Eltern verstärkt mit einbeziehen. Wir haben zum Beispiel im letzten Jahr die monatliche Pflichtversammlung für Schiedsrichter umstrukturiert. Die Jungschiris treffen sich jetzt immer eine Stunde vor den älteren und können auch ihre Eltern mitbringen. So kommt man besser ins Gespräch. Sie kommen dadurch auch häufiger zu Wort und können in kleinerer Runde ihre Anliegen besser äußern.

Und was noch?

Leonhardt: letztlich versuchen wir auch, durch Sensibilisierung der Vereine den Druck so gering wie möglich zu halten. Es muss einfach für Schiri-Anfänger möglich sein, in den Jugendspielklassen ohne Angst und ohne Beschimpfungen von außen mit diesem spannenden Hobby anfangen zu können. So wie es für jede Jugendspielerin und jeden Jugendspieler auch möglich ist. Das erfordert ein gewisses Maß an Leichtigkeit und Entspanntheit aller Beteiligten im Jugendfußball. Pöbeleien und negative Stimmung haben bei einem Jugendspiel einfach nichts zu suchen und alle Erwachsenen sind hier gefordert, mit gutem Beispiel voran zu gehen.

Wie sehen Sie als Mann von der Basis die Entwicklung mit dem Videoschiedsrichter?

Leonhardt: Ich finde das Projekt Videoassistent spannend. Das war einfach eine Entwicklung, die im Millionengeschäft Profifußball nicht mehr aufzuhalten war. Ursache? Alle sahen sofort live im TV in Zeitlupe, was der Schiri auf dem Platz nicht sah. Es ist der größte Umbruch der letzten Jahrzehnte im Fußball. Teilweise wurden Diskussionen vom Schiedsrichter zum Videoassistenten verlagert. Einer muss eben schuld sein. Eine Nullfehler-Quote ist einfach nicht machbar. Allein schon, weil – und da kommen wieder die Medien ins Spiel – umstrittene Entscheidungen medial meist als falsch statt als schwierig oder Graubereich stehen bleiben. Es gibt oft aber nicht nur schwarz oder weiß. Eine differenzierte Analyse gibt es selten. Die subjektive, lautstarke Beschwerde von Spielern, Trainern oder Managern bleibt fast immer medial haften und wird als Wahrheit empfunden. Die Schiedsrichter äußern sich aus meiner Sicht immer noch zu selten. Der Videobeweis wird sich entwickeln und immer besser werden. Wer befürchtet hat, dass über Fußball nun nicht mehr diskutiert werden kann, wurde schon längst eine Besseren belehrt.