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Mauern überspringen

Archivartikel

Am 3. Oktober feiern wir in diesem Jahr 30 Jahre Deutsche Einheit. Es ist Zeit staunend und dankbar zurückzuschauen, denn in Deutschland gelang etwas, das viele nie für möglich gehalten hatten. Wir werden an diesem Tag in der Familie den 70. Geburtstag eines lieben Menschen feiern und ebenso dankbar zurückschauen, auch wenn wir alle inzwischen 30 Jahre älter geworden sind. In uns jung geblieben ist der Wunsch nach Freiheit im eigenen Leben trotz aller Beschränkungen, die uns begegnen.

Ich selbst, in West-Berlin geboren und aufgewachsen, war im Jahr der Wiedervereinigung gerade mit dem Abitur fertig und auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt. Ich kann mich noch gut an die Tage um den 9. November 1989 herum erinnern, als das, was sich langsam angedeutet hatte, was aber niemand so richtig für möglich hielt, plötzlich über Nacht Wirklichkeit wurde. Die Grenzen waren offen, niemand hatte mehr geschossen und niemand hatte mehr versucht, dem Freiheitsdrang der Massen Einhalt zu gebieten.

Ich musste an das Psalmwort aus Psalm 18 denken: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ Denn das war das Gefühl, das meine Generation begleitet hat. Die Mauern waren überwunden, wir tanzten auf den Mauerresten, das Abitur lag hinter und die freie Welt vor uns. Das Bild von Sieger Köder zu dieser Psalmstelle, in dem der Ministrant scheinbar leichtfüßig die Mauer überspringt, wurde für mich ein Leitmotiv. Alles schien plötzlich möglich und wo vorher peinliche Grenzkontrollen durchgeführt und Menschen systematisch bespitzelt wurden, konnten wir uns immer freier bewegen. Für mich als Fußballfan kam natürlich der Gewinn der Weltmeisterschaft 1990 in Italien noch hinzu; und alles wirkte auf einmal leicht und hoffnungsvoll.

Rückblick in Dankbarkeit

Noch immer prägt mein Leben, live bei dieser epochalen Wende der deutschen Geschichte dabei gewesen zu sein. Meine eigenen Kinder kennen diese Zeit nur noch aus den Erzählungen in der Familie und den Geschichtsbüchern. Doch was haben wir ins neue Jahrtausend hinübergerettet? Wir errichten immer wieder neue Zäune und Mauern überall auf der Welt, die nicht vereinen, sondern trennen, die nicht öffnen, sondern einsperren, die nicht teilen, sondern den eigenen Status sichern. Wir errichten Mauern in unserer Haltung und in unserem Denken und mauern bisweilen unsere Vernunft ein, wenn wir nicht erkennen, dass wir gemeinsame Überlebensstrategien für die Herausforderungen der Gegenwart brauchen.

Wir werden am 3. Oktober den 70. Geburtstag feiern und staunend und dankbar zurückschauen, welche Freiheit uns im Miteinander des Lebens geschenkt wurde. Wir werden anlässlich der Deutschen Einheit auch die vielen Grenzen und Mauern in unserem eigenen Leben feiern, die wir in der Familie überwinden konnten und uns vornehmen, weiterhin daran mitzuarbeiten, dass die geschenkte Freiheit auch immer eine Freiheit in Verantwortung füreinander ist, wenn Leben gelingen soll. In diesem Sinne allen einen freiheitlich gestimmten Jahrestag der Deutschen Einheit, denn mit meinem Gott gelingt es mir immer, wieder auch meine eigenen Mauern und Zäune zu überwinden, um hoffnungsvoll auf das zu schauen, was uns allen von Gott her verheißen ist: ein Leben in Fülle.

Wolf-Dieter Wöffler

Pastoralreferent

Weinheim-Hirschberg