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Mehr Jobs – mehr Rückkehrer

Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat eine Studie veröffentlicht, nach der 2017 erstmals mehr Menschen von West- nach Ostdeutschland gezogen sind als umgekehrt. Nico Stawarz arbeitete an der Studie mit – und sieht in den Zahlen einen Trend.

Herr Stawarz, 2017 sind erstmals seit der Wiedervereinigung mehr Menschen vom Westen in den Osten gezogen als umgekehrt. Kam das für Sie überraschend?

Nico Stawarz: Ja, das war überraschend. Besonders, wenn man Berlin als Wanderungsmagneten aus den Zahlen herausnimmt und dann noch immer ein positiver Ost-Saldo da steht. Wir haben natürlich in den vergangenen Jahren schon gesehen, dass die Abwanderung aus dem Osten spätestens seit etwa 2009 deutlich zurückgegangen ist. Dementsprechend war eine Tendenz zu erkennen. Dass es aber einmal in einem positiven Saldo für den Osten endet, hätten wir so nicht erwartet.

Gibt es denn auch schon Zahlen für 2018? Lässt sich ein Trend erkennen?

Stawarz: Wir haben auch für 2018 einen positiven Saldo – sowohl mit als auch ohne Berlin. Man muss aber sagen, dass es nicht so ist, dass plötzlich viele Menschen vom Westen in den Osten ziehen. Der positive Saldo ist vielmehr darauf zurückzuführen, dass die Ost-West-Wanderung deutlich zurückgegangen ist.

Was hat das für Gründe?

Stawarz: Wir beobachten eine positive wirtschaftliche Entwicklung in Ostdeutschland. Es zeigen sich rückläufige Arbeitslosenzahlen und das Bruttoinlandsprodukt steigt. Wir können davon ausgehen, dass Menschen, die in ostdeutschen Bundesländern bleiben, dahin zurückkehren oder dorthin ziehen, dort günstige Lebensbedingungen vorfinden. Das hat zur Folge, dass Personen, die ihre Ausbildung oder ihr Studium in Ostdeutschland absolvieren, auch vor Ort einen Job finden und dort bleiben können. Aber auch für diejenigen, die zum Studium oder zur Ausbildung aus Ostdeutschland in den Westen gezogen sind, ist die Rückkehr aufgrund der verbesserten Arbeitsmarktlage wahrscheinlicher geworden. Der Arbeitsmarkt gibt das her, auch weil es im Osten einen Mangel an Fachkräften gibt. Außerdem sind Universitäten in Ostdeutschland, gerade Leipzig oder Dresden, modernisiert worden und attraktiver geworden. Ein letzter Faktor sind Mieten und Baulandpreise, die im Osten weniger stark gestiegen sind als im Westen.

Ihr Forschungsteam weist aber daraufhin, dass die ostdeutschen Länder bei 18- bis 29-Jährigen nach wie vor einen Wanderungsverlust haben, in allen anderen Altersgruppen ist das nicht der Fall. Warum wandern so viele junge Menschen aus dem Osten ab?

Stawarz: Gerade in dieser Altersklasse ist eine Wanderung ökonomisch oder durch Ausbildung motiviert – in Westdeutschland gibt es mehr Universitäten als im Osten. Auch für den Einstieg in den Arbeitsmarkt bietet sich der Westen immer noch eher an. Eine spannendere Altersgruppe ist die der 30- bis 49-Jährigen. Das sind Familien- oder Arbeitsmarktwanderer – in dieser Gruppe verzeichnen wir einen leichten Anstieg von Umzügen aus dem Westen in den Osten. Für diese Gruppe sind familiäre, aber auch wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend. Es macht nur Sinn, in die Nähe der Familie zu ziehen, wenn man dort auch einen Arbeitsplatz bekommt. Studien vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung belegen, dass es in den vergangenen Jahren eine höhere Quote von Rückkehrern gab. Gebürtige Ostdeutsche, die zum Beispiel zur Ausbildung nach Westdeutschland gegangen sind, kommen wieder zurück. Das deckt sich mit unseren Ergebnissen.

Mecklenburg-Vorpommern wird oft als Negativbeispiel für Strukturschwäche herangezogen, ist aber laut Studie unter den Gewinnern der Wanderung. Sachsen-Anhalt oder Thüringen, also recht zentral gelegene Ostbundesländer, werden als Verlierer aufgezählt. Muss man das klischeehafte Denken vom abgehängten, vergleichsweise schwach strukturell entwickelten Mecklenburg-Vorpommern also ändern?

Stawarz: Eine schwierige Frage, die man so pauschal nicht beantworten kann. Sachsen-Anhalt und Thüringen sind gerade wegen ihrer Lage natürlich mehr von Abwanderung betroffen. Aus diesen Ländern liegt ein Umzug nach Hessen oder Bayern näher als von Mecklenburg-Vorpommern aus. Grundsätzlich sehen wir, dass viele ländliche Gebiete von der Rückwanderung aber profitieren. Das deutet darauf hin, dass familiär bedingte Zusammenzüge wieder vermehrt geschehen, weil mehr Arbeit vorhanden ist. Insgesamt steht aber außer Frage, dass vor allem ländliche Regionen außerhalb der Pendeleinzugsgebiete der großen Städte weiterhin von Abwanderung betroffen sein werden. Darüber kann der momentan leicht positive Wanderungssaldo für Mecklenburg-Vorpommern nicht hinwegtäuschen.

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