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Meine High School, mein Polit-Sumpf

Archivartikel

„The Politician“: In Ryan Murphys Netflix-Serie will Payton Hobart zuerst Schülervertretungs- und dann US-Präsident werden

In seinem ersten Netflix-Original zeigt Serienmastermind Ryan Murphy („Glee“, „American Horror Story“), dass nicht nur Washington DC ein Haifischbecken ist. Mittendrin: Gwyneth Paltrow, Jessica Lange und vor allem eine ganze Reihe junger Talente.

Was haben Richard Nixon, Ronald Reagan, George Bush und Bill Clinton gemeinsam –von den offensichtlichen Dingen wie Geschlecht, Nationalität und ihrer Vergangenheit als US-Präsidenten abgesehen? Sie alle waren, lange vor ihrer Zeit im Oval Office, schon einmal Präsident – nämlich über die Schülerschaft ihrer High School. Für Payton Hobart, einen Schüler aus der reicheren Ecke Kaliforniens, ergibt sich aus dieser Information ein logischer Schritt: Unter allen Umständen muss er Schülervertretungspräsident werden. Unter. Allen. Umständen. Ausrufezeichen! Immerhin ist es sein erklärtes Ziel, irgendwann einmal selbst Staatsoberhaupt der USA zu sein. Das ist die Ausgangslage in „The Politician“ (Start: 27. September), der ersten Serie, die der umtriebige Ryan Murphy („Glee“, „American Horror Story“, „Pose“) exklusiv für Netflix geschaffen hat.

Dass Payton Hobart einem nicht unbedingt wie ein High-School-Schüler vorkommt, liegt nicht vorrangig daran, dass Darsteller Ben Platt, Broadway-Star und „Pitch Perfect“-Nebendarsteller, bereits 25 Jahre alt ist. Es liegt vielmehr an seiner Sicht auf sich selbst, seine Mitmenschen, ihre Handlungen und überhaupt alles, was um ihn herum geschieht. Payton denkt wie ein echter Politiker, redet wie ein echter Politiker und hat ein Wahlkampfteam wie ein echter Politiker. Auf jede Frage hat er eine wohlüberlegte, auf Zielgruppen zugeschnittene Antwort, jede seiner Handlungen, selbst jeder Instagramkommentar ist wohl kalkuliert. Und wehe, einer seiner Freunde – ja, er hat welche – tut irgendetwas, das seinem Vorhaben, Schülersprecher zu werden, irgendwie schaden könnte.

Und das Schlimmste: Seine Konkurrenten sind keinen Deut besser. Allen voran die berechnende Astrid (Lucy Boynton, „Bohemian Rhapsody“), die nach eigener Aussage den Unterschied zwischen authentisch sein und authentisch wirken nicht kennt. Im Kampf um das prestigeträchtige Schulamt werden strategische Allianzen eingegangen, Skandale inszeniert, Kampagnen gestartet und sogar Verbrechen begangen.

Daraus mögen die skurrilsten Bilder, Situationen und Dialoge entstehen, doch die Darsteller (darunter Gwyneth Paltrow und Jessica Lange) bleiben so ernst, wie man nur bleiben kann – was die Absurdität des Ganzen noch unterstreicht. Ein Kniff, den sich Ryan Murphy und seine bewährten Mitstreiter Brad Falchuk und Ian Brennan mutmaßlich bei Independentfilm-Ikone Wes Anderson („Grand Budapest Hotel“) abgeschaut haben. Und der Dank vieler Wendungen, Rückblicke und gut ausgeführter Verrücktheiten auch in Serie nicht langweilig wird. tsch