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Woche junger Schauspieler Inszenierung des Nationaltheaters Weimar verknüpft Kleists Novelle mit nationalistischem Gedankengut

Michael Kohlhaas wird zum Helden der rechten Szene

Bensheim.„Kohlhaas ist für mich eine Geschichte über Rechtsbruch, wie sie aktueller nicht sein könnte. Kohlhaas ist für mich der Mythos eines deutschen Helden.“ Solche Sätze fielen am Mittwochabend im voll besetzten Bensheimer Parktheater, wo das Deutsche Nationaltheater Weimar im Rahmen der „Woche junger Schauspieler“ eine Interpretation von Heinrich von Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“ aufführte, die viele der Zuschauer mit einem mulmigen Gefühl im Bauch zurückließ.

Denn was Regisseur Sebastian Martin dem Bensheimer Publikum präsentierte, war keinesfalls eine klassische Nacherzählung des bekannten Stoffs, sondern vielmehr der Versuch, ein sprachliches und soziales Experiment in 80 Minuten Bühnenzeit zu vollziehen.

Nicht nur plumpe Parolen

Die Protagonisten des Stücks sind nämlich nicht Kohlhaas, sein Gegenspieler Wenzel von Tronka oder Martin Luther, wie es in Kleists Novelle der Fall ist, sondern vier Rechtsextreme, die ihre fremdenfeindlichen und nationalistischen Ansichten in der Person Kohlhaas’ wiederzuerkennen glauben und seinen Kampf gegen die Obrigkeit auf ihren persönlichen Kampf übertragen. Die Regie will damit aufzeigen, wie Extremisten Bühnenstücke und Literatur für ihre Zwecke umdeuten und missbrauchen können.

Dabei verwenden die Extremisten jedoch nicht die altbekannten plumpen, rechten Parolen, sondern umgarnen ihre Zuhörer mit wohl überlegten, fast schon Mitgefühl erzeugenden Argumenten. Die Regie hat dabei gute Arbeit geleistet, sie hat die zurzeit vorherrschende Rhetorik rechter Gruppen analysiert und die Protagonisten des Stücks diese geschickte Sprache sprechen lassen.

Zuschauer als Komplizen

Die Zuschauer werden nicht frontal mit rassistischen Aussagen konfrontiert, sondern durch ein Frage-Antwort-Spiel zu Komplizen der Rechten gemacht. Dabei benutzen diese die Figur Michael Kohlhaas als Gerüst, um ihre Ideologie zu rechtfertigen und finden immer wieder vermeintliche Parallelen zwischen Kleists Novelle und ihrem eigenen Kampf gegen eine liberale Gesellschaft der offenen Grenzen.

Verdeutlicht werden diese durch eine Vermischung der beiden erzählerischen Ebenen, es erfolgt ein ständiger und fließend verlaufender Wechsel zwischen Kohlhaas’ Geschichte und den Ansichten der Rechtsextremen. Sowohl sprachlich als auch bildlich werden Kleists Geschichte und die Propaganda der Neo-Nazis zusammengefügt, um die vermeintlich rechte Gesinnung des Michael Kohlhaas zu verdeutlichen. Sei es durch die Darstellung der Tronkenburg, die bei Kleist den Wohnsitz der volksunterdrückenden Obrigkeit symbolisiert, als Reichstagsgebäude oder sei es die ständige, in die Handlung eingebettete, Erhebung der rechten Hand zum Hitler-Gruß.

Dieses komplizierte Gebilde von verschiedenen Ebenen kann jedoch nur so gut funktionieren, weil das Ensemble (Isabel Tetzner, Marcus Horn, Thomas Kramer, Jonas Schlagowsky) mit Leichtigkeit zwischen einzelnen Figuren und Orten zu wechseln vermag. Sie schaffen es, die rechte Rhetorik so überzeugend vorzutragen, dass sie bei den Zuschauern regelrecht Abscheu hervorruft, wie einige von nach der Aufführung erzählen. Diese Leistung belohnt das Publikum daher auch mit einem langanhaltenden Applaus, ebenso wie schon bei der Erstaufführung im November 2017 in Weimar, die damals von vielen Kritikern hoch gelobt wurde.

Einprägsame Bilder

Willkommene Orientierungshilfe in dem Geflecht von Handlungs- und Deutungsebenen ist dabei auch die mittig auf der Bühne stehende Projektionsfläche, auf der den Zuschauern immer wieder die düstere Botschaft durch einprägsame Bilder und Videoaufnahmen verdeutlicht wird. Doch auch sonst kommt Symbolen in der Inszenierung eine hohe Bedeutung zu. So liegt beispielsweise während des gesamten Stücks die Attrappe eines verendeten Pferdes in der Bühnenmitte. Bei Kleist Symbol für die erfahrene Ungerechtigkeit, wird es im Verlauf des Abends zum Symbol für alles, was die Extremisten hassen und bekämpfen möchten.

Letztlich ist das Stück eine Betrachtung extremistischer Propaganda im Brennglas, mit dem Ziel, die Zuschauer zu verstören und zu einer Reaktion zu bringen. Sie sollen sich vor den Kopf gestoßen fühlen und so zu einer kritischen Reflexion über die Rhetorik von Populisten und Extremisten angeregt werden. Vereinzelte Ausrufe der Empörung während der das Stück abschließenden Brandrede der Extremisten machen deutlich, dass der Theatergruppe alles gelungen ist, was sie erreichen wollte.

Vitus Horneffer und Luc Chatelais, Q2, AKG Bensheim