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Reportage Norman Mailors Meisterwerk „Moonfire“ erscheint zum Jubiläum der Apollo-11-Mission als Prachtband / Der US-Autor brilliert mit großer Erzählkunst

Mondlandung als Stoff für Weltliteratur

Archivartikel

Kein Text-Bild-Buch über die Mondlandung vor 50 Jahren wird der historischen Reise wohl so gerecht wie „Moonfire“ von Norman Mailer. Übergroß, schwergewichtig, und voll faszinierender Fotos ist die damalige Reportage des US-Autors nun anlässlich des Jahrestags als bibliophile Ausgabe wiedererschienen. Der 348 Seiten dicke Foliant ist nicht nur für Anhänger der Raumfahrt eine Art Kursbuch durch die Schwerelosigkeit.

Doch Mailer (1923-2007) berichtet nicht nur vom Menschheitstraum, den Heimatplaneten zu verlassen und das Universum zu erforschen. Der Schriftsteller schildert auch die anfänglichen Vorbehalte vieler Amerikaner gegen Wernher von Braun (1912-1977) wegen der NS-Vergangenheit des Deutschen. Dem Raketeningenieur, der an der Wiege des Apollo-Programms stand, schlug lange Misstrauen entgegen.

Kritik an der US-Gesellschaft

Als scharfer Kritiker der damaligen US-Gesellschaft stellt Mailer in seinem mitreißenden Essay, der unter dem Titel „Auf dem Mond ein Feuer“ in Deutschland erstmals 1971 erschien, die legendäre Mission zudem in einen politischen Kontext. Der preisgekrönte Autor sieht seine Landsleute in den späten 1960er Jahren als Vertreter einer Konsumgesellschaft „in immerwährender Hast auf der Suche nach neuen Ideen, die sie kaufen können“. Skeptisch äußert sich Mailer auch über die weit verbreitete Technikgläubigkeit der Raumfahrt.

Vom US-Magazin „Life“ war Mailer beauftragt worden, die Mission journalistisch zu begleiten. Die in drei „Life“-Heften abgedruckte Geschichte erschien 1970 als Buch. In „Moonfire“ schreibt der Autor aus Sicht des fiktiven Charakters „Aquarius“.

Fesselnde Lektüre

Egal, wo man „Moonfire“ aufschlägt – man bleibt hängen. Dutzende Pläne und oft unveröffentlichte Fotos der US-Raumfahrtagentur Nasa hat der Kölner Taschen-Verlag wiederaufgelegt. Aufnahmen aus dem Innenleben der Familien und vom knochenharten Drill der Astronauten, aber auch vom dehydrierten Proviant an Bord der „Apollo 11“ und von der Nervosität bei der Nasa in Houston. „Die Spannung im Kontrollzentrum war enorm – als Neil sich nach der Landung meldete, war es, als lasse man die Luft aus einem zum Bersten gefüllten Ballon“, erzählte der damalige Verbindungsmann im Kontrollzentrum, Charles Duke, einmal.

Im Mittelpunkt steht der atemberaubende Aufenthalt der Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Erdtrabanten. Die üppige Auswahl der Bilder und ihre technische Brillanz fesseln jeden Betrachter. Dazu berichtet der Autor kongenial mit Leidenschaft, Zweifel und angelerntem Fachwissen. Mailer gelingt das Meisterstück, den Leser auf die Reise zum Mond mitzunehmen – ohne selbst losgeflogen zu sein. Der Leser ist stets auf Augenhöhe, die Spannung reißt nicht ab.

50 Jahre nach der historischen Mondlandung am 20. Juli 1969 scheinen Flüge in den Weltraum fast Alltag. Mit rund 28 000 Kilometern pro Stunde rast die Internationale Raumstation ISS heute in etwa 90 Minuten einmal um den Erdball. Mailers Reportage bringt das Staunen zurück. Sie erinnert daran, unter welchen Mühen der Weg ins All zurückgelegt wurde. Den Anteil der Sowjetunion, die Juri Gagarin 1961 als ersten Raumfahrer in den Kosmos schoss, lässt er nicht unerwähnt.

Der Autor ist wohlwollend dort, wo es um Menschen und ihre Sehnsüchte geht. Dem Fortschritt steht er aber zwiespältig gegenüber. So ist „Moonfire“ auch kein Arbeitsauftrag für einen Flug zum Mars. Mailer legt Zeugnis ab über eins der größten Abenteuer der Menschheit.