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Weinheim Neunte „Woinemer Lokalrunde“ zeigt sich mit „ApLokalypse“ in Endzeit-Stimmung / Träumen von der autofreien Stadt

Multiples Organversagen in der ganzen Stadt

Katja Hoger, Sabine Wunder, Wolfgang Kunze und Holger Mattenklott stiegen im ausverkauften Keller der Woinemer Hausbrauerei zur neunten Woinemer Lokalrunde in den Satire-Ring. Die gewohnte Quintett-Formation muss in diesem Jahr, wegen der Schwangerschaft von Barbara Heinrich, ausnahmsweise in abgespeckter Form auftreten. Doch auch zu viert meistern die vielseitigen Komödianten, unterstützt von Tom Ritter am Akkordeon, sprachliche und schauspielerische Herausforderungen. Erstmals war der 15-jährige Mathis Hoger beim Bühnenaufbau mit dabei.

Wie gewohnt agiert die Lokalrunde auch in ihrem neuen Programm „ApLokalypse“ professionell und temporeich, die Pointen sitzen beim Kampf der bösen gegen die guten Mächte. Denn es ist so weit: Auf der Leinwand tobt ein Flammeninferno, während die Musik zu bedrohlichen Akkorden anschwillt. Die vier Ritter der Apokalypse läuten den Weltuntergang ein, wobei er mit Erderwärmung und Gletscherschmelze längst begonnen hat, Greta übertreibt nicht. Doch dem Teufel (Sabine Wunder), der so gerne Schokokekse isst, droht Ärger mit dem „Alten“, als er die Götterdämmerung eigenmächtig in Kraft setzt. Da muss Gott persönlich eingreifen, wie geschaffen für die dröhnende Stimme von Holger Mattenklott.

Der größte Teil der Texte sowie die Videos stammen von Sabine Wunder, während Katja Hoger und Wolfgang Kunze die Autoren ihrer eigenen Solonummern sind. Bei all der bewundernswerten Kreativität und einfallsreichen Dramaturgie des Quartetts überwiegt das Vergnügen, mit der Sprache zu jonglieren. Zynisch und scharfzüngig beleuchtet das Ensemble seit fast zehn Jahren die Probleme Weinheims, blickt hinter das Augenscheinliche und erkennt die dahinter liegende Wahrheit, die so gerne verdrängt wird.

Menschheit angeklagt

Im neuen Programm blicken die vier Erregungskünstler in permanenter Endzeitstimmung in die Abgründe des multiplen Organ-Versagens der Zweiburgenstadt, in der man mit 200 PS starken SUVs zu den Wahllokalen fährt, sofern man noch kann. „Wie sind Sie heute hergekommen?“, fragt Holger Mattenklott, „mit dem Heißluftballon?“ Weinheim ist zur Zeit ein einziger hupender Parkplatz. „Sie können auch über Schimmeldewog hierherfahren“, empfiehlt Wolfgang Kunze als Moralist und Aufklärer. In Anlehnung an das bayrische Pendant, das „Derblecken“ auf dem Nockherberg, besteigt der „Grandler“ vom Dienst seine Bierkiste hinter dem Rednerpult, um mangelnde Körpergröße durch geistige Brandsätze auszugleichen.

Kunze fragt sich nämlich, ob nicht der neue Oberbürgermeister hinter der Großbaustelle Weinheim steckt. Er sei quasi aus dem Trainingslager gekommen. Schließlich habe er in seiner ehemaligen Gemeinde Hirschberg jahrelang üben können, wie man den Verkehr lahmlegt.

Manuel Just muss an diesem Abend einiges an Häme über sich ergehen lassen, obwohl ihm doch zuvor schon beim zweiten kräftigen Hammerschlag der traditionelle Fassbieranstich gelungen war. Zusammen mit Hausherr Jochen Hardt füllte er die Krüge mit dem dunklen Gerstensaft.

Vom Prosit der Gemütlichkeit geht es zu einer packenden Gerichtsverhandlung. Angeklagt ist die Menschheit, schuldbewusst von Katja Hoger dargestellt. Tatbestand ist die Zerstörung der Erde. Hundert Jahre auf Bewährung und eine Million Sozialstunden lautet das Urteil – noch einmal davongekommen.

Das Schnurren der OEG

Nicht davon k ommt Frau Dr. Silberstreif, die bei der obligatorischen Gemeinderatssitzung eine „schizogrüne“ Phase entwickelt, in der sie von Weinheim als einer autofreien Stadt träumt. „Ich höre nur das wunderbare Schnurren der OEG“. Wie immer wird der prollige Stadtrat Schummler (Holger Mattenklott) „bei so viel geistigem Müll“ ausfallend, Frau „Golonharekrischna“ (Sabine Wunder), die indische Koryphäe fürs Digitale, schimpft mit Dr. Dr. Meyer-Landruth (Wolfgang Kunze), der wie immer sein iPad vergessen hat.

Ansonsten wird eben gemeinsam gezittert, denn der sparsame Oberbürgermeister Manuel Just hat die Heizung im Rathaus auf Eins stellen lassen.

Auch bei Mausi und Bärchen (Katja Hoger und Holger Mattenklott) ist die Botschaft vom Ende der Welt angekommen, das Bier ist warm, weil Mausi den Kühlschrank auf Sparmodus gestellt hat, und Wolfgang Kunze sammelt derweil Konserven für seinen Endzeit-Bunker.

Stark gibt sich das Quartett auch musikalisch mit gesanglich und choreografisch perfekt interpretierten Songs. Den globalen Rundumschlag interpretieren die vier Spaßvögel nicht nur mit starken Texten, sondern auch mit denkwürdigen Filmeinspielungen aus der Weltpolitik. Versöhnlich klingen da die abschließenden Passagen: „Auch wenn die Welt bald untergeht/Für ein Bierchen an der Bar ist es nicht zu spät“.

Das begeisterte rhythmische Klatschen des Publikums am Ende ist die Essenz des Abends. Mehr kann man von politischem Kabarett nicht verlangen. rav