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Literatur Ilija Trojanow lauscht in seinem Roman „Doppelte Spur“ den Whistleblowern

Pfiffe werden immer schriller

Archivartikel

So etwas passiert dem Investigativjournalisten nicht alle Tage: Innerhalb weniger Minuten bieten ihm gleich zwei Whistleblower, einer vom russischen, der andere vom amerikanischen Geheimdienst, brisantes Material an. Die Umstände der Informationsübermittlung sind jeweils höchst konspirativ, das Spiel ist vorerst kaum durchschaubar.

Zusammen mit einem Kollegen folgt unser Mann der doppelten Spur nach Hongkong und Helsinki, Wien, Washington und Moskau. Die Pfiffe der Whistleblower werden immer schriller, bald tut sich vor den beiden abgebrühten Rechercheuren ein Abgrund auf, der sie um ihre professionelle Fassung ringen lässt. Es geht um Finanzmanipulationen, Mädchenhandel und Korruption auf höchster Ebene. Sogar die Präsidenten der Supermächte sind involviert: zwei Charaktere an der Staatsspitze, die nicht nur korrupt sind wie andere, sondern auf ihre Weise auch noch die Korruption bis zur Unkenntlichkeit korrumpiert haben.

Es gehört zum prekären Geschäft mit Whistleblowern, dass ein verantwortungsvoller Journalist über all ihren Enthüllungen stets auch die eigene Rolle reflektieren muss: Warum hat man ausgerechnet mir dieses Material zugespielt? Kenne ich überhaupt die ganze Geschichte oder nur meine Sprechrolle, die mir unbekannte Strippenzieher zugedacht haben? Schließlich können die unbekannten Informanten auch ihre ganz eigenen Ziele verfolgen, und sie müssen bei ihren Enthüllungen nicht zwangsläufig ehrenwerten Motiven folgen. Trotz aller Zweifel bemühen sich die beiden Journalisten nach Kräften, durch Abgleich der Dokumente und eigene Recherchen aus dem Material eine plausible Erzählung herzustellen.

Man darf annehmen, dass der vorliegende Roman ebendiese Erzählung ist. Jedenfalls leiht IIija Trojanow seiner Erzählerfigur den eigenen Namen und viele autobiografische Details, von der bulgarischen Herkunft über den Wiener Wohnsitz bis zum Frankfurter Verlag. Natürlich ist das ein fiktionales Spiel. Schließlich ist Trojanow bekannt für die raffinierte Verschränkung von Fakten und Fiktionen. Wobei die meist ausgiebig recherchierten Fakten sich immer wieder als der „Zündstoff für den narrativen Motor“ erweisen (wie es Trojanow in seiner Berliner Poetik-Vorlesung ausgedrückt hat). So war es in seinem historischen Abenteuerroman über den „Weltensammler“ Richard Burton, so ist es auch bei diesem Thriller. Vieles darin ist verbürgt, etwa Donald Trumps Russland-Geschäfte vor der Präsidentschaft. Dennoch bleiben die dargestellten Ereignisse mysteriös, wenn nicht gar monströs, wie etwa die Aktivitäten des Mädchenhändlers Wasserstein, als Romanfigur unschwer zu erkennen als Wiedergänger des realen Jeffrey Epstein. Anderes mag man kaum glauben, etwa die geheimen Pläne einer amerikanisch-russischen Allianz in ganz großem Stil, „eine neue Weltpolitik weißer Überlegenheit, eine Hegemonie der Auserwählten Völker“ zu realisieren.

So fantastisch Trojanows Geschichte anmuten mag – man kann beim Lesen nie vergessen, dass wir uns inzwischen daran gewöhnt haben, auch Unglaubliches für real zu halten. Trojanow trifft ins Schwarze unserer Irritationen. Was er seine Rechercheure herausfinden lässt, ist seit Wikileaks und Panama Papers im Grunde bekannt. Aber so wie es Trojanow zu einer Erzählung verdichtet und damit erst anschaulich macht, zeigt sich erst die ganze Ungeheuerlichkeit der Vorgänge. So wirft dieser Roman, ohne selbst zu moralisieren, eine moralische Frage auf, die in dem vorangestellten Voltaire-Motto anklingt: „Wer einem das Absurde schmackhaft machen kann, kann einem das Unrecht schmackhaft machen.“ Wir haben uns, daran lässt Trojanow keinen Zweifel, wohl schon viel zu viele Absurditäten schmackhaft machen lassen.