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Viernheim Der schwere Weg zur eigenen Wohnung / Problematische Situation in der Flüchtlingsunterkunft

Platz für die Privatsphäre fehlt

„Ich finde einfach keine Ruhe mehr“, sagt Tesfom Mekere. Er weiß nicht, wann er das letzte Mal alleine war. Seit rund vier Jahren lebt der Eritreer in Viernheim, hat Bleiberecht und arbeitete bis vor Kurzem in Speyer. „Die Miete für eine eigene Wohnung kann ich bezahlen, ich finde aber keine“, berichtet er im Gespräch mit dem „Südhessen Morgen“. Dabei will er unbedingt ausziehen aus der Asylbewerberunterkunft in der Werkstraße 5. So wie viele andere Bewohner auch. „Die Küche ist eine Katastrophe, Ratten laufen herum, und auf dem Hof liegt der Müll, weil wir zu viele Menschen hier sind“, erklärt der junge Mann.

Während Asylverfahren zumutbar

Ein schmales Bett, ein Spind – mehr Platz für Privatsphäre hat Mekere nicht. Mit zwei anderen Männern teilt er sich einen Raum. „Gerade ist einer ausgezogen, aber bald sind wir wieder zu viert“, erzählt sein Zimmergenosse Hagos Berhe. „Immerhin schnarcht keiner“, nimmt er die Situation mit Galgenhumor.

Manfred Kleinecke, Mitarbeiter des Amts für Soziales im Kreis Bergstraße und Ansprechpartner für Flüchtlinge in Viernheim, kann den Wunsch nach den eigenen vier Wänden gut verstehen. „Es ist zumutbar, dass sich die Menschen für die Dauer des Asylverfahrens ein Zimmer teilen – also sechs bis acht Monate lang. Haben sie Bleiberecht, werden sie von uns sogar aufgefordert, sich eine Wohnung zu suchen.“ Das Problem sei bloß, dass es „einfach zu wenige Wohnungen gibt“. Haben die Geflüchteten Bleiberecht, sei das Jobcenter für Arbeitsvermittlung und Sozialhilfe verantwortlich. „Aber ich kann die Menschen ja nicht von heute auf morgen auf die Straße setzen, wenn sie keine andere Unterkunft finden“, betont Kleinecke. Die Gebühr von 190 Euro für das Zimmer in der Werkstraße müssten sie dann aber natürlich selbst bezahlen.

Im Gegensatz zum Treppenhaus, in dem sich Sperrmüll stapelt, oder dem Flur, in dem in den Ecken die Ratten ihre Spuren hinterlassen haben, ist das Zimmer von Mekere und Berhe blitzblank geputzt. Die Wände haben sie selbst gestrichen. „Wir machen das Beste aus der Situation“, sagt Mekere.

In der Wohnung leben insgesamt sechs Männer – sieben, wenn der neue Mitbewohner eingezogen ist. „Der eine arbeitet vormittags, ein anderer hat oft Spätschicht, und wieder ein anderer muss noch Deutsch lernen“, sagt Biniam Fetseme. „Das geht nicht, wenn man keine Ruhe hat. So kann man sich nicht konzentrieren oder von der Arbeit erholen.“

Schon mehrere Wohnungen hat sich der Eritreer in Viernheim und der Umgebung angeschaut „Danach haben die Vermieter immer ganz schnell angerufen: ,Die Wohnung ist leider schon weg‘, hieß es jedes Mal.“ Dabei hat der 28-Jährige seit zwei Jahren einen Arbeitsplatz im Einzelhandel mit festem Einkommen.

Keiner der Bewohner in der Werkstraße 5 ist mit der Situation zufrieden. Die Männer in der Wohnung im ersten Stockwerk teilen sich ein Bad und die Küche. „Das Problem ist hausgemacht“, kommentiert Kleinecke die heruntergekommenen Räumlichkeiten. Ständig gehe etwas kaputt, vom Herd bis zur Waschmaschine. „Und keiner weiß, wer es war.“ Mutwilligkeit wolle er nicht unterstellen. „Aber es fehlt an der Wertschätzung. Viele denken: Was mich nichts kostet, ist auch nichts wert, und behandeln die Einrichtung dementsprechend.“

Container für Müllentsorgung

Mit dem Eigentümer der Unterkunft in der Werkstraße sei er im Gespräch, „damit es bald einen Container für die Müllentsorgung gibt, die gelben Säcke und der Bioabfall nicht mehr Ratten sowie Ungeziefer anziehen“. Da könne Kleinecke auch potenzielle Vermieter verstehen, wenn sie sich davon abschrecken lassen. In der eigenen Wohnung sei das Verhalten der Flüchtlinge aber so gut wie immer ein besseres.

Das bestätigt auch Bürgermeister Matthias Baaß. Vor zwei Jahren hat er das Projekt „Vermiete doch an die Stadt!“ ins Leben gerufen, um Menschen mit Wohnberechtigungsschein eine Wohnung zu vermitteln (wir berichteten mehrfach). Mittlerweile hat die Stadt 56 Wohnungen angemietet, für insgesamt 180 Personen, darunter zahlreiche Flüchtlinge. „Nennenswerte Beschwerden gab es von den Vermietern bis jetzt nicht“, betont Baaß.