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Prophetische Serie in Sachen Jugendprotest?

Archivartikel

„Wir sind die Welle“: Netflix nimmt Buchklassiker von Morton Rhue neu auf, entfernt sich dabei aber deutlich vom Original

Die Jugend ist derzeit politisch wie lange nicht. Inspiriert von Greta Thunberg hat sich die „Fridays for Future“-Bewegung längst um die ganze Welt verbreitet und prangert den fehlerhaften Umgang der Politik mit dem Klimawandel an. Ähnliche Ziele, wenngleich mit anderen Mitteln, verfolgt die Gruppierung Extinction Rebellion, die statt auf geordnete Demonstrationen auf Aktionen zivilen Ungehorsams setzt.

Start am 1. November

Wie sich eine solche Bewegung aus dem Kleinen heraus entwickeln kann, zeigt ab 1. November die Netflix-Serie „Wir sind die Welle“, die sich lose an Morton Rhues Romanklassiker „Die Welle“ orientiert.

Abgehalfterte Schuhe, schmuddelige Jogginghosen und die Kapuze seines Sweaters tief ins Gesicht gezogen – Tristan (Ludwig Simon) sticht schon an seinem ersten Tag an der neuen Schule heraus. Der Neue nimmt kein Blatt vor den Mund, schreckt nicht zurück vor dem Nazi-Nachwuchs, der ausländisch stämmige Mitschüler wie Rahim (Mohamed Issa) drangsaliert. So bildet sich um den charismatischen Tristan schnell eine Gruppe von ehemaligen Außenseitern.

Nicht so recht ins Bild passen will dabei Lea („Der Club der roten Bänder“-Star Luise Befort). Mit ihrem E-Roller, den teuren Designerfummeln und Smoothies zum Frühstück entspricht sie anfangs dem Klischee des verwöhnten Einzelkinds. Je mehr sie jedoch mit dem furchtlosen Tristan in Berührung kommt, umso konsequenter legt sie ihre bürgerliche Fassade ab. In einer abgeranzten Fabrik am Rande der Stadt errichten die Jugendlichen ihre Basis, von wo aus sie Protestaktionen planen – „Die Welle“ ist geboren.

Fast wie an einer Checkliste arbeitet sich „Wir sind die Welle“ an den Kontroversen der Gegenwart ab. Die selbsternannten Rebellen setzen sich gegen Kleidungsverschwendung Tierquälerei und Plastikmüll ein. Berauscht von ersten Erfolgen und der Anerkennung im Netz reicht es den Jugendlichen bald nicht mehr aus, Plakatwände mit Parolen zu verunstalten. Immer größer, immer riskanter, immer aufmerksamkeitsheischender werden die Proteste der Welle.

Sind sich Lea, Tristan und Co. anfangs noch einig über die Ziele ihrer Bewegung, brechen innerhalb der Gruppe zusehends Konflikte über Anführerschaft und künftige Aktionen aus . Als Lea eigenmächtig beschließt, die Welle auch für andere Jugendliche zu öffnen, zieht sie den Zorn ihrer Mitstreiter auf sich. Aus dem koordinierten Aufstand wird ein unkontrollierbarer Mob, dwas folgt, sind Chaos, Verwüstung und Verhaftungen. Wer sich erhofft, „Wir sind die Welle“ sei ein Remake des Erfolgsfilms „Die Welle“ (2008) in Serienlänge, wird sich die Augen reiben. Statt des Experiments eines Lehrers zum Thema Faschismus, einst grandios verkörpert von Jürgen Vogel, ist die Welle in der Netflix-Produktion eine antikapitalistische Jugendbewegung.

Zu viele Nebengeschichten

Die Serie erreicht nicht die Intensität und den aufrüttelnden Charakter der Film- respektive Buchvorlagen. Verwässert wird die Handlung vor allen Dingen durch die vielen kleinen Nebengeschichten, die das Erwachsenwerden der Hauptcharaktere beschreibt. tsch