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Schlüsselkinder im Spukhaus

Archivartikel

„Locke & Key“: In der fantastischen Netflix-Adaption der Comicreihe ist der Tod nicht so endgültig, wie man denkt

Solch ein Haus kann es nur an der Ostküste der USA geben: Mit düsterer Grandezza steht es da, Ehrfurcht gebietend – und ziemlich unheimlich. In diesem Haus könnte die Addams Family wohnen, oder Norman Bates. Und wenn man der einen oder anderen Figur aus einem Stephen King-Roman begegnete, würde man sich auch nicht wundern. Keyhouse heißt das Anwesen, und dass es jahrelang leer stand, kann man verstehen. In der fantastischen Netflix-Serie „Locke & Key“ wird es ab 7. Februar wieder mit Leben erfüllt – und mit Tod.

Jahrelang hat die Familie Locke aus Seattle einen weiten Bogen um den imposanten Familiensitz gemacht. Vater Rendell (Bill Heck) hatte alle Verbindungen nach Matheson, Massachusetts gekappt. Nach seinem gewaltsamen Tod aber will seine Witwe Nina (Darby Stanchfield) dort mit den drei gemeinsamen Kindern einen Neuanfang wagen. Sie brauche ein Projekt und die Kinder ein Zuhause, erklärt sie Rendells Bruder Duncan, der das Keyhouse ebenfalls gemieden hatte wie die Pest, aber es nun für die traumatisierte Familie notdürftig hergerichtet hat.

Dort geschehen nun höchst seltsame Dinge, oder was soll man davon halten, wenn man auf die Frage „Bist du mein Echo?“ die Antwort „Ja, das bin ich“ bekommt? Doch die Vergangenheit reist mit und hat Geister und dunkle Geheimnisse im Gepäck. Mit denen müssen sich vor allem der kleine Bode (Jackson Robert Scott) und seine Teenager-Geschwister Tyler (Connor Jessup) und Kinsey (Emilia Jones) auseinandersetzen.

Sie finden im Keyhouse immer wieder magische Schlüssel, die ihnen dabei helfen können, den mysteriösen Tod ihres Vaters aufzuklären. Weil sie dabei auch Portale in andere Welten öffnen und Dämonen heraufbeschwören, müssen sie bald selbst um ihr Überleben kämpfen.

Rasant, klug, gruselig, spannend: „Locke & Key“ hat alles, was man sich von einer Mystery-Serie wünschen kann. Was zunächst einen wohligen Schauer auslöst, wird alsbald zu einer originellen und vertrackten Horrormär mit großartig gezeichneten Figuren, durchdachtem Storytelling und bis ins Detail liebevoll entworfenem Bühnenbild, in dem sich vor allem die Kids fragen: „Wer bin ich eigentlich? Und muss ich so bleiben?“

Die Comicvorlage wurde von Stephen Kings ältestem Sohn Joseph unter dem Pseudonym Joe Hill geschrieben, der erste von bislang 37 regulären Bänden erschien 2008. Hill und Zeichner Gabriel Rodriguez sind auch bei der Netflix-Adaption an Bord und haben daraus mit psychologischer Finesse und subtilem Horror einen fesselnden Zehnteiler gemacht, der nach der ersten Staffel ziemlich sicher fortgesetzt wird. tsch