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Literatur Neue Übersetzung von Albertine Sarrazins „Querwege“ auf Deutsch erschienen / Eigenwillige Mischung aus lyrischem Ton und Gossensprache

Schreiben, um endlich frei zu sein

Archivartikel

Albertine Sarrazin (1937-1967) war eine herausragende Schriftstellerin, die viel zu früh gestorben ist. Einen Großteil ihres Lebens hat sie in französischen Gefängnissen verbracht, das war auch das zentrale Thema ihrer autobiografisch geprägten Bücher. Drei konnte sie schreiben, bevor sie im Alter von 29 Jahren starb.

Nun ist ihr letztes Buch, „Querwege“, in einer neuen Übersetzung von Claudia Steinitz auf Deutsch erschienen. Ihre Sätze sind schillernde Sprachbilder – dass die Autorin über Dinge schreibt, die gemeinhin nicht als besonders würdevoll gelten, macht das Lesen umso reizvoller.

Sarrazin erzählt von Gefängnisausbrüchen, dem Alltag in der Zelle, oder darüber, was einen guten Diebstahl ausmacht. Sie hat dabei eine ganz eigenwillige Mischung aus lyrischem Ton und Gossensprache geschaffen.

„Querwege“ ist eine Art Tagebuch, in dem die Erzählerin ihren Alltag beschreibt, nachdem sie wieder einmal aus dem Gefängnis entlassen wurde. Die Hauptfigur ist sensibel und anarchisch, träumerisch und abgeklärt zugleich.

In einer Szene betritt sie die Wohnung eines Freundes in Montmartre. Dort hat in dessen Abwesenheit eine Gefängniskumpanin von ihr gehaust – und die Wohnung mit ihrem heimlichen Liebhaber komplett verwüstet, bevor sie abgehauen ist. Die Erzählerin steht zwischen dem Herd mit dicker Fettkruste, leeren Weinflaschen und der fleckigen Matratze. Doch obwohl sie entsetzt ist, kann sie nicht anders, als sich „die tanzenden Schatten des betrunkenen Paares an den Wänden, die entfesselten Abende in zweifacher Dunkelheit“ vorzustellen. Eine Szene, die beispielhaft für Sarrazins Gabe steht, jedem Ding erzählerisch Würde zu verleihen.

Gleichzeitig verliert sich die Erzählerin nicht im Kitsch. Ihr Ton ist leichtfüßig und kess – was sicher auch an der guten Übersetzung von Steinitz liegt. So „hansdampfen“ sich schuftende Männer durch die Gassen oder sind die Menschen „plemplem“ vor Glück.

Acht Jahre in neun Gefängnissen

Eine weitere Stärke sind die Figuren. Die Erzählerin berichtet von Gefängniswärterinnen, katholischen Mütterchen, Polizisten und anderen Menschen, denen sie begegnet – und karikiert deren Doppelmoral, Spießigkeit oder Obszönität. „Wenn sie so dasitzt, gelockt, mit angemaltem Mund, in alle Richtungen quellend, hat sie die traurige Majestät eines aufgeschlitzten Müllsacks.“

Sarrazin saß laut ihrem Verlag Ink Press hauptsächlich wegen Einbrüchen und Diebstählen insgesamt acht Jahre in neun verschiedenen Gefängnissen. Im September 1964 wurde sie ein letztes Mal entlassen und zog aufs Land. In „Querwege“ kann der Leser nachvollziehen, wie die Hauptfigur – die nicht nur Albe heißt, sondern auch auffallend viele Gemeinsamkeiten mit Sarrazin hat – zunächst darauf wartet, dass ihr Mann die Gefängnismauern wieder von außen sieht. Als es so weit ist, ziehen die beiden mit einem alten Freund in ein baufälliges Haus in den Cevennen. Ein weiterer Versuch, häuslich zu werden und ein neues Leben zu beginnen.

Nebenher erzählt die Protagonistin von ihren Bemühungen, ein Manuskript fertigzustellen. Am Ende schließt sie den Roman nicht nur ab, sondern weckt das Interesse mehrerer Verlage. Es ist zu vermuten, dass Sarrazin hier die Entstehung ihres Debüts „Astragalus“ nachvollzieht.

Sarrazin wurde in Algier geboren. Im Alter von zwei Jahren wurde sie von einem französischen Ehepaar adoptiert, bevor sie als Jugendliche nach Paris abhaute. Nach einem Überfall kam sie das erste Mal ins Gefängnis. Dorthin bringt die Erzählerin uns auch in „Querwege“ immer wieder zurück. Verurteilungen seien wie Tätowierungen. „Der gesellschaftliche Weg ist uns ein für alle Mal durch den eisernen Vorhang der Strafakte versperrt.“

Wie kann eine Frau, die Jahre ihres Lebens in Zellen saß, mit so viel Leichtigkeit und Witz erzählen? Vielleicht war es das Schreiben, das Sarrazin so lebendig machte. Die „aus einem Gitterstab geschnitzte Feder“ zu verwenden, wurde zu ihrer existenziellen Aufgabe. Oder, wie es in „Querwege“ heißt: „Um mich herum waren Wunder und Niedertracht, musste die gestohlene Zeit dringend zurückerobert, das sofortige Vergessen schleunigst überholt, das Nichts der Leere entrissen werden.“ (dpa)