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Literatur Autor Volker Weidermann erzählt in „Das Duell“ die bittere Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki

Schriftsteller im Kampf mit dem Kritiker

Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass („Die Blechtrommel“) und der „Starkritiker“ Marcel Reich-Ranicki lieferten sich über Jahrzehnte ein öffentlich ausgetragenes „Duell“, das nicht nur Literaturgeschichte geschrieben hat. Mit den „Kapiteln“ Warschauer Getto und Waffen-SS beschwor es auch die dunklen Schatten der jüngeren deutschen Vergangenheit herauf. Der „Spiegel“-Autor Volker Weidermann, Gastgeber des aktuellen „Literarischen Quartetts“ und damit Nachfolger von Reich-Ranicki, hat die Geschichte und Geschichten der beiden jetzt in seinem neuen Buch aufgeschrieben.

„Das literarische Quartett“

Dabei lässt Weidermann über weite Strecken des Buches noch einmal beider Lebensläufe Revue passieren, die in dieser geglückten Collagentechnik auch äußerst lebendig jüngere deutsche Geschichte widerspiegeln. Der in Polen 1920 geborene, in Berlin zur Schule gegangene, 1938 ausgewiesene und in den 50er Jahren in die Bundesrepublik gegangene Thomas-Mann-Verehrer Reich-Ranicki war Überlebender des Warschauer Ghettos. In der Bundesrepublik konnte Reich-Ranicki den „Wunschtraum meiner Jugend“, wie er schreibt, „in Deutschland als Kritiker deutscher Literatur zu arbeiten“, verwirklichen.

Der in Danzig 1927 geborene jugendliche NS-Anhänger und „Hitlerjunge“ Grass, der bis zum Schluss an Hitlers „Endsieg“ glaubte, wurde noch in den letzten Kriegstagen als 17-Jähriger Angehöriger der Waffen-SS, was erst 2006 durch sein Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ öffentlich wurde. Beider Geschichten wurden schon längst ausführlich erzählt, lesen sich aber in Weidermanns Zusammen- und Gegenüberstellung als verblüffend dichte deutsche Zeitchronik in sehr lebendiger Form, wenn auch manchmal nicht ohne dichterische Freiheiten bei atmosphärischen Schilderungen oder mit Pathos.

Weidermanns Buch ist auch ein literarischer Spaziergang durch die wechselvolle Werkgeschichte des Literaturnobelpreisträgers, wobei er bemerkenswerterweise „Das Tagebuch einer Schnecke“ als das „autobiografischste Buch“ von Grass bezeichnet, mehr noch als „Beim Häuten der Zwiebel“, weil es unter anderem die Wahlkampfauftritte des Schriftstellers in Erinnerung ruft und weil es auch die Geschichte der Danziger Juden in der NS-Zeit und ihr Verschwinden schildert.

Die seltsame „Hassliebe“ zwischen Autor und Kritiker beginnt mit Reich-Ranickis Ablehnung der 1959 allgemein als sensationell aufgenommenen „Blechtrommel“ als „Schaumschlägereien“ auf einer „Trommel aus Blech“. Das Buch sei kein guter Roman, „doch in dem Grass scheint – alles in allem – Talent zu stecken“. Die „Hassliebe“ findet ihren Höhepunkt im Verriss der Treuhand-Fontane-Parabel „Ein weites Feld“ 1995, wo Reich-Ranicki allerdings, anders als bei der „Blechtrommel“, zur Mehrheit der kritischen Stimmen gehörte. Auch dürfte Ranicki die „Verballhornung“ seines „Hausheiligen“ Theodor Fontane durch Grass, durchaus auch ein Fontane-Verehrer, missfallen haben.

Kritik an der „Blechtrommel“

In seiner „Blechtrommel“-Kritik vom Januar 1960, die er später teilweise revidieren wird, wurde schon Reich-Ranickis Neigung deutlich, dem Schriftsteller mit einer Rezension auch „gute Ratschläge“ zu geben und am Beispiel bestimmter Stellen zu zeigen, wie man ein besseres Buch schreibt – der Kritiker als der bessere Autor sozusagen. Mit seiner 1999 erschienenen Autobiografie „Mein Leben“ gelang Reich-Ranicki dann auch zu seiner eigenen Überraschung ein sensationeller Bestseller. Das Verhältnis zwischen Grass und Reich-Ranicki bleibt nicht nur auf literarischem Gebiet spannungsreich und misstrauisch: „Was sind Sie denn nun eigentlich – ein Pole, ein Deutscher oder wie?“, fragt Grass 1958 den in Polen geborenen Reich-Ranicki bei ihrer ersten Begegnung bei einer Tagung der „Gruppe 47“.

Mit dieser Begegnung beginnt Reich-Ranicki bezeichnenderweise auch seine Autobiografie „Mein Leben“. dpa