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Im Interview Jens Wawrczeck ist ein großer Fan von Alfred Hitchcock / Zum 120. Geburtstag des Regisseurs liest der Synchronsprecher literarische Vorlagen zu zehn Thrillern auf Hörbücher ein

„Seine Filme haben eine zeitlose Ästhetik“

Er gilt als „Master of Suspense“, als Meister der Spannung. Seine Filme sind legendär, sein Hang zu blonden Schauspielerinnen, die er zu Stars machte, nicht minder. Der Regisseur und Drehbuchautor Alfred Hitchcock – die Queen ernannte ihn 1980 zum Sir – erblickte am 13. August 1899 in Leytonstone das Licht der Welt. In diesem Jahr würde der Brite, der zusätzlich die US-amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hat, also 120 Jahre. Diesen Geburtstag hat Jens Wawrczeck zum Anlass genommen, eine Hörbuch-Reihe mit den literarischen Vorlagen zu den weltbekannten Filmen des Meisters zu veröffentlichen. Die deutsche Stimme des Detektivs Peter Shaw aus der Hörspiel-Serie „Die drei ???“, für die Alfred Hitchcock als Schirmherr fungierte, ist seit seiner Jugend eingefleischter Fan der Regisseurs. Über seine Leidenschaft hat er mit uns gesprochen.

Herr Wawrczeck, wann sind Sie das erste Mal mit Alfred Hitchcock in Berührung gekommen?

Jens Wawrczeck: Da muss ich so 12 oder 13 Jahre gewesen sein. Damals gab es ja noch wunderbare Retrospektiven im Fernsehen – Filmfestivals, die sich einem bestimmten Regisseur gewidmet haben. Und ich glaube, in dem Zusammenhang gab es auch eine Hitchcock-Retrospektive. Der erste Film, den ich von ihm gesehen habe, war „Bei Anruf Mord“.

Was hat Sie an seinen Filmen fasziniert?

Wawrczeck: Nach wie vor finde ich die Filme wahnsinnig spannend. Aber dann haben sie auch diese zeitlose Ästhetik. Und das Tolle ist dieser besondere Hitchcock-Look, der verführt – die Farben, die Art und Weise, wie er die Schauspieler inszeniert. Er ist ja ein sehr visueller Regisseur, die Bilder sind einfach fesselnd. Auch egal, wie oft ich die Filme gesehen habe – ich entdecke immer noch neue Details. Sie sind wirklich vielschichtig, sie funktionieren auf der ersten Ebene, der Spannungsebene, sehr gut. Das hat mich wahrscheinlich als Jugendlicher am meisten entzündet. Und je mehr ich mich im Lauf der Zeit mit Hitchcock auch als Mensch beschäftigt habe, desto mehr sehe ich seine Person in der Art und Weise, wie er etwas erzählt und was auf den verschiedenen Ebenen stattfindet. Das ist faszinierend.

Sie sagen als Mensch – was man gemeinhin über ihn weiß, ist ja nicht unbedingt schmeichelhaft. Was fesselt Sie dennoch an ihm?

Wawrczeck: Sagen wir mal so: Was mich grundsätzlich an jedem großen Künstler fasziniert, ist das Spannungsverhältnis, in dem er mit sich und der Welt lebt. Wie Hitchcock als Privatmann oder als Regisseur tatsächlich am Set war, darüber gibt es ja sehr unterschiedliche Versionen. Ich vermute, er war hinter der Fassade des englischen Gentlemans ein sehr komplizierter Mann. Er ist in einer rigiden Zeit aufgewachsen, sehr katholisch. Und seine unterdrückten Ängste und Sehnsüchte hat er später in Filmbilder verwandelt. Kein Mensch, der völlig mit sich in der Balance ist, kann meines Erachtens interessante Kunstwerke schaffen. Das sieht man eigentlich bei jedem Ausnahmekünstler.

Beispiel Klaus Kinski?

Wawrczeck (lacht): Ja, der hat das aber auch ein bisschen gepflegt. Der wusste, was die Öffentlichkeit von ihm erwartet und das hat er dann bedient. Ich glaube, bei Hitchcock sind bestimmte Sachen intuitiv entstanden. Diese Ebene war ihm vielleicht selber nicht so bewusst.

Zurück in die Vergangenheit: Wie sind Sie denn zu der Rolle des Detektivs Peter Shaw bei den „Drei ???“ gekommen?

Wawrczeck: Ich war schon sehr früh ein Hörspiel-Kind beim Norddeutschen Rundfunk. Unser Klassenlehrer hat gefragt, wer Lust hat, nachmittags beim Rundfunk vorzusprechen. Und da bin ich hingegangen und landete zunächst im Schulfunk. Ein paar Jahre später kamen dann „Die drei ???“ dazu. Weil das Produkt und seine Außenwirkung inzwischen so phänomenal ist, glauben viele irrtümlicherweise, dass die Fragezeichen meine erste Hörspielerfahrung waren.

Sie haben’s ja schon gesagt – Hitchcock lebt von den visuellen Effekten, den starken Bildern. Wie entstand dann die Idee, Romanvorlagen als Hörbücher einzulesen?

Wawrczeck: Als ich anfing, mich intensiver mit Hitchcock zu beschäftigen, ich war 14 oder 15 Jahre, habe ich versucht, Bücher über ihn zu bekommen. Das war damals gar nicht so einfach, Film und alles, was dazugehört, war noch kein großes Thema in den Buchhandlungen. Ich habe dann nach und nach festgestellt, dass 42 seiner rund 50 Filme auf literarischen Vorlagen beruhen. Mich hat immer interessiert: Was inspirierte die großen Meister selbst? Als ich dann vor rund zehn Jahren Audoba, mein eigenes Hörbuch-Label gründete, war es naheliegend, dass ich meine Hitchcock-Begeisterung hörbar mache. Dass ich die literarischen Vorlagen, die Hitchcock inspirierten und die er verfilmte, als Hörbücher veröffentliche, ist darüber hinaus die perfekte inhaltliche Klammer für eine Hörbuch-Reihe. Auf diese Art zolle ich ihm Tribut.

Wieso funktioniert das so gut?

Wawrczeck: Die literarischen Vorlagen, die Romane oder Erzählungen, sind ja teilweise ganz anders als die Drehbücher. Im Fall von „Die Vögel“ ist das besonders interessant, die literarische Vorlage stammt von Daphne du Maurier. Es ist eine Kurzgeschichte von 30 Seiten, die in Cornwall in den 1950er Jahren spielt. Die Protagonisten sind ein sehr einfach gestricktes Farmer-Ehepaar mit zwei Kindern. Hitchcock hat die Story nach Kalifornien verpflanzt und mit zwei glamourösen Stars garniert: Tippi Hedren und Rod Taylor. Glamour findet man in der Originalgeschichte nicht.

Bei Ihren Lesungen sollte man sich also von den Filmbildern frei machen?

Wawrczeck: Interessanterweise sagen mir die Besucher meiner Veranstaltungen, dass sie bei meinen Lesungen den Film komplett vergessen beziehungsweise dass ein ganz eigener Film im Kopf startet. Daphne Du Mauriers „Die Vögel“ ist so stark, da erübrigen sich Wertungen wie „besser“ oder „schlechter“ als der Film. Ich würde so ein Projekt auch gar nicht durchziehen, wenn ich das Gefühl hätte, dass ich Gefahr laufe, mich mit dem Film zu messen. Eben weil die Romane so eigenständig und anders sind, kann ich eine eigene Welt schaffen. Hitchcock hat ja oft nur Motive benutzt oder Handlungsstränge. Auch weil er der damaligen Zensur gehorchen musste, konnte er bestimmte Sachen gar nicht umsetzen. In meiner Reihe entdeckt man die unzensierten Originale, und die sind oft viel rigoroser und schonungsloser als der Film.

Man lässt sich auf die Literatur ein?

Wawrczeck: Es gibt Romane wie „Vertigo“, die relativ nah am Film sind. Wenn ich dann ins Studio gehe, um den Roman zu lesen, habe ich natürlich auch die Filmbilder im Kopf. Wenn ich aber während der Aufnahmen eintauche, schaffe ich meine eigenen Figuren und versuche nicht, James Stewart oder Kim Novak zu sein.

In Ihren Hörbüchern lesen Sie die ganzen Romanvorlagen, die zum Teil sehr lang sind. Wie sieht es bei Ihren Live-Auftritten aus, sind das einzelne Szenen?

Wawrczeck: Nein, das sind keine Ausschnitte, das ist eine für die Bühne gekürzte Fassung des Originaltextes, quasi ein Kondensat von eineinhalb Stunden. Meine Kollegin Maria Hartmann hat die Buchvorlagen entsprechend lektoriert. Man hat erstaunlicherweise nie das Gefühl, dass im Vergleich zur ungekürzten Version etwas fehlt. Jede Lesung wird von einem Musiker live begleitet. Und ich überlege mir vorher sehr genau, welches Instrument zu dem jeweiligen Stoff passt.

Nennen Sie uns Beispiele.

Wawrczeck: Bei „Vertigo“ trete ich mit einer Harfenistin auf. Ihr Instrument liefert den perfekten übersinnlich-mysteriösen Klangteppich. Ich habe den Anspruch, dass wir nur Musik aus dem entsprechenden Film benutzen. Aber eben für das jeweilige Live-Instrument neu arrangiert. Das ist äußerst spannend, weil ein völlig anderes Klangbild entsteht als in Hitchcocks Film. Bei „Die Vögel“ begleitet mich Jan Peter Pflug am Theremin. Das Instrument sieht aus wie eine Antenne, man fährt mit der Hand drüber und dadurch werden elektronische Klänge erzeugt – ähnlich wie bei Hitchcock, im Film gibt es auch nur elektronische Musik. Ich wollte, dass etwas Entsprechendes auch auf der Bühne stattfindet. Bei „Marnie“ begleitet mich eine Vibrafonistin. „Marnie“ ist einer meiner liebsten Abende. Die Musik im Film ist sehr opulent. Aber reduziert auf ein Vibrafon bekommt sie etwas Beklemmendes, Unheimliches, verdächtig Unschuldiges. Das passt wunderbar zu „Marnie“, da geht es ja letztendlich um ein Kindheitstrauma. Und bei „Das Fenster zum Hof“ habe ich mich für das Saxofon entschieden. Die Originalgeschichte wurde 1942 geschrieben und spielt in der Schwüle eines typischen New Yorker Sommers. Und die überträgt sich am besten durch ein sinnliches Saxofon.

Haben Sie auch eine musikalische Ader oder Ausbildung?

Wawrczeck: Oh ja, ich werde nächstes Jahr mein erstes Gesangsalbum veröffentlichen. Bei den Live-Abenden singe ich als Zugabe immer einen Song aus einem Hitchcock-Film.

Welches Publikum kommt zu Ihnen?

Wawrczeck: Zum Glück querbeet. Meine Hoffnung war, dass meine Lesungen möglichst viele Altersgruppen ansprechen. Also nicht nur die eingefleischten „Drei ???“-Fans, sondern auch Theaterbesucher. Das ist tatsächlich auch eingetroffen. Ich würde sagen, da sitzen Leute im Alter zwischen 25 und 75 Jahren. Das ist sehr schön.

Wie viel Hitchcock steckt in Ihnen, Herr Wawrczeck?

Wawrczeck (lacht): Ich hoffe, ich habe kein Me-Too-Thema in meinem Leben.

Hitchcock soll ja ein recht einsames Kind gewesen sein, das zuweilen auch schon mal Fahrpläne gelesen hat.

Wawrczeck: Ich glaube, ein bisschen wunderlich bin ich auch. Zumindest, was meine Besessenheit für Themen wie Hitchcock oder alte Filmen und Schauspieler angeht. Ich bin ein Freak. Ich hoffe, ein freundlicher Freak. Mir ist es wichtig, meine Begeisterung teilen zu können. Aber diese Art von Einsamkeit, die man manchmal fühlt, diese Art von Isolation, weil man vielleicht andere Interessen hat als andere, die kenne ich durchaus. Ich denke doch aber, dass ich entspannter bin als Hitchcock oder zumindest offener mit meinen eigenen Sehnsüchten.

Stehen Sie auch auf Blondinen?

Wawrczeck: Zumindest stehe ich auf einige der Schauspielerinnen in den Hitchcock-Filmen. Ich finde, dass die Rollen, die diese Blondinen in seinen Filmen spielen, faszinierend sind. Wobei ich kein großer Fan von den zu kühlen Blondinen bin. Ich bin ein großer Fan von Doris Day, die auch in einem seiner Filme („Der Mann, der zuviel wusste“; Anm. d. Red.) aufgetreten ist. Und die ist ja eigentlich eine sehr emotionale Schauspielerin.

Vom Typ her also weder Grace Kelly noch Tippi Hedren?

Wawrczeck: Na ja, beide waren sehr schöne Frauen. Wobei ich finde, dass Grace Kelly fast noch ein bisschen kühler wirkt als Tippi Hedren, die in „Marnie“ eine sehr bewegende und mutige Darstellung liefert. Ich glaube – ohne sie persönlich zu kennen – ich würde eher zu Tippi Hedren tendieren.

Welches sind Ihre drei Lieblingsfilme von Hitchcock?

Wawrczeck: Das ist schwer zu beantworten, das wechselt eigentlich je nach Tagesverfassung. Auf keinen Fall möchte ich auf „Der Mann, der zuviel wusste“ in der zweiten Version mit James Stewart und Doris Day verzichten. Ich liebe aber auch „Die Vögel“. Und dann würde ich mich wahrscheinlich noch für einen seiner Schwarz-Weiß-Filme entscheiden: „Im Schatten des Zweifels“ oder „Eine Dame verschwindet“.