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Geburtstag Der somalische Autor Nuruddin Farah wird an diesem Dienstag 75 Jahre alt / Immer wieder Kandidat für den Nobelpreis

Seinen Wurzeln literarisch treu geblieben

So weit hat er sich noch nie aus Somalia wegbewegt: Nuruddin Farahs neuer Roman „Im Norden der Dämmerung“ erzählt die Geschichte einer somalischen Familie in Norwegen. Für den literarischen Sprung aus Afrika wartete er, bis er über 70 war – obwohl er selbst schon lange Leben und Arbeit auf viele Orte der Welt gerichtet hat. Den somalischen Wurzeln aber blieb er treu. Am Dienstag wird Farah 75 Jahre alt – und schon wird über weitere außerafrikanische Werke des Somaliers spekuliert, der immer wieder für den Literaturnobelpreis gehandelt wird.

„Er hat eine Neigung zu Trilogien“, sagt der Frankfurter Literaturexperte Peter Ripken, ein deutscher Wegbegleiter Farahs. „Ich kann mir vorstellen, dass jetzt noch zwei weitere Romane mit mehr Kosmopolitischem kommen.“

Zum Tode verurteilt

Nuruddin Farah, 1945 im damals italienisch verwalteten Baidoa geboren, soll schon als Kind ein Meister der Sprache gewesen sein. Dicht- und Erzählkunst wurden ihm praktisch in die Wiege gelegt: Die Mutter war Geschichtenerzählerin, ebenso wie zwei seiner Ahnen. Auf der Koranschule brillierte Farah, heißt es, in jungem Alter verdiente er als Briefeschreiber für Analphabeten Geld. Mit 20 Jahren verfasste er seine erste erschienene längere Geschichte.

Zu Beginn seiner Laufbahn bediente sich Farah noch der somalischen Sprache. Alle großen Werke aber entstanden in Englisch. Spätestens mit der Trilogie „Variationen über das Thema der afrikanischen Diktatur“, die zwischen 1979 und 1983 erschien, betrat er die Weltbühne. In den Büchern setzte er sich mit dem diktatorischen Regime seiner Heimat, mit Aufbegehren, aber auch mit innerer Zerrissenheit seiner Akteure und familiären Verflechtungen auseinander. Neben Einzelwerken folgten zwei weitere Trilogien, in denen das Erbe des Kolonialismus und der Bürgerkrieg in Somalia inklusive Warlords, Piraten und Islamisten die roten Fäden sind.

Die Entwicklung und Gesellschaft Somalias sind Farahs Themen. Allerdings muss er sich von außen nähern: Seit den 1970ern lebt er nahezu ausschließlich im Exil und wagte sich lange nicht zurück, nachdem er vom Militärregime in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war. Zunächst war er auf Wanderschaft – in Deutschland mit den Stationen Bayreuth und Berlin –, bevor er Kapstadt zum Lebensmittelpunkt machte.

Zwei neue Bücher in 2021?

„Um ein ‘wahrhaft inspiriertes fiktionales Werk’ über Somalia schreiben zu können, musste ich das Land verlassen“, erklärte er. „Denn hätte ich das nicht getan, hätte ich vielleicht viele Jahre in Internierungslagern zubringen müssen, das Gefängnis wäre mir zum Exil geworden.“ Auch gesellschaftlichen Zwänge und Beschränkungen könne er in der Ferne eher abstreifen.

Darum geht es auch im neuen Roman, der von Somaliern in Norwegen und Verblendung und Extremismus hier und da handelt – auch das Massaker von Anders Breivik spielt eine Rolle. Und wie gewohnt stehen persönliche Konflikte innerhalb des gesellschaftlichen und politischen Rahmens ganz vorne.

Dazu fällt Ripken ein: Als Farah – damals in Deutschland noch kaum bekannt – vor mehr als 40 Jahren zum Literatur-Festival nach Berlin kam, sei ein Raunen durch die Zuschauer gegangen. „Da waren viele ganz verdutzt, vor allem Frauen“, sagt der langjährige Geschäftsführer von Litprom, der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika. „Sie hatten geglaubt, dass sich hinter dem Namen eine Autorin verbarg – weil sie nicht erwartet hatten, dass ein Mann weibliche Figuren so einfühlsam und tiefgründig porträtiert.“

Was Farah als nächstes präsentiert? „Ich arbeite hart an zwei Büchern“, schreibt er Ende Oktober an seine Sub-Agentin Andrea Wildgruber. Dabei gehe es um ein nicht-literarisches Buch zu „Folter und Menschenrechtsverletzungen in der somalisprachigen Region Äthiopiens“, das hoffentlich Anfang 2021 fertig sei, und um „einen neuen Roman“. Mehr verrät er nicht. Nichtsdestotrotz dürfte er auch 2021 wieder auf der Liste der Favoriten auf den Nobelpreis stehen. epd