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Kissinger Sommer Zwei hervorragende Konzerte

Selbstsicher in allen Belangen

Ist italienische Musik angesagt, dann fluten meist Heiteres und Frohsinn durch den Saal, wie beim Konzert des Deutschen Symphonieorchesters Berlin unter Kent Nagano im Kissinger Regentenbau. Die Ouvertüren Franz Schuberts fristen mit wenigen Ausnahmen ein Schattendasein.

Funken springen über

Seine „Ouvertüre im italienischen Stil“ profitierte vom Rossini-Fieber der 1820er Jahre.

Die Wiedergabe blieb kräftig im Ausgleich zwischen Hell und Dunkel, weder glattgebügelt noch tiefgründend. Die Symphonie Nr.4 A-Dur op.90 „Italienische“ von Felix Mendelssohn Bartholdy lässt Funken überspringen. Der musikalische Übermut spiegelte sich in der schwungvollen Interpretation des mit innerem Feuer und Elan spielenden Berliner Orchesters.

Das jugendlich draufgängerische Musizieren erfreute ebenso wie die turbulente Gefühlswelt des jungen Komponisten.

Einen Altmeister der Klavierkunst begegnete man in dem amerikanischen Pianisten Emanuel Ax, der Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert G-Dur KV 453 beeindruckend frisch und tiefsinnig vorgetragen hatte.

Licht im Anschlag

Die melodischen Linien gestaltete er kantabel und licht im Anschlag. Die technische Brillanz floss leicht aus den Fingern. Abgeklärt und doch immer munter bot Ax eine durchdachte Darbietung.

Das Orchester präsentierte sich motiviert mit hoher Spielkultur und Intonationssicherheit, befand sich im Verbund mit dem Solisten auf interpretatorisch gleichwertiger Höhe. Die klangschöne Veranstaltung begeisterte das zahlreiche Publikum.

In einem weiteren Konzert gastierte die Tschechische Philharmonie unter Tomas Netopil im Max-Littmann-Saal. Bei diesem Auftritt der Prager durfte Wolfgang Amadeus Mozarts Symphonie Nr.38 D-Dur KV 504, genannt „Prager“, freilich nicht fehlen.

Alles hatte seine Richtigkeit

Die düstere Atmosphäre der weit ausladenden, spannungsvollen Einleitung animierte den Dirigenten zu großer sinfonischer Geste.

Alles hatte im Verlauf der Sinfonie seine Richtigkeit.

Die Themen fügten sich zu großer Form, die in ihrer Grundhaltung zwar strahlend hell, aber nicht gänzlich frei von Schatten ist.

Trotz lebhaftem Drive sicherte Netopil der Musik scharf umrissene Konturen. So gewichtig auch das Orchester musizierte, dessen Spiel wirkte nie erdrückend.

Männliche Note

Nach der eingangs temperamentvoll gebrachten Ballettmusik zur Oper „Idomeneo“ KV 367 von Mozart kam sein Klavierkonzert Nr.20 in d-Moll KV 466 an die Reihe.

Der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes weichte diese Musik nicht verzärtelnd auf, verlieh der Interpretation eine gewisse männliche Note, in sich abgerundet, im Anschlag glasklar und selbst beim größeren Forte nie gewalttätig.

Solist und Orchester wechselten sich ab in einem angeregten Dialog, ohne dabei die tieferen Momente der Romanze des Mittelsatzes auszusparen.

Virtuos im besten Sinne

Die Ausführung war hoch konzentriert und virtuos im besten Sinne, wenn man insbesondere an die Solo-Kadenzen vor Schluss des ersten und letzten Satzes zurückdenkt.

Man verstand sich in klassischer Disziplin, blieb sicher und selbstbewusst in allen Belangen.