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Weinheim In einem Zirkus zum Verlieben begeistert der Heidelberger Beschwerdechor vor allem mit einem permanenten Augenzwinkern

Skurril, absurd und einfach saukomisch

Archivartikel

Von Zuschauern, die immer wieder mit leuchtenden Augen begeistert in die Hände klatschen und sich dabei freuen wie die Kinder, träumen besonders Zirkus-Artisten. Dem „Circus Inclusioni“, einem Gesamtkunstwerk aus Melodien, Illusionen, Poesie und viel Humor, gelang es am Sonntagabend, die Zuschauer in der Stadthalle zwei Stunden lang zu verzaubern.

Das sonst eher nüchterne Veranstaltungshaus war nicht wiederzuerkennen. Schon über dem Treppenaufgang im Parkbereich, den man wegen der zahlreichen Rollstühle als Eingang gewählt hatte, da er über eine Rampe verfügt, stand in riesigen bunten Lettern „Circus Inclusioni“. Im inneren Bereich erwartete die Zuschauer, die ebenso wie die Artisten aus Menschen mit und ohne Handicap bestanden, das nächste Wunder.

Ein regelrechtes Deko-Wunder

Jeder Zuschauer wurde von einem bunt gekleideten Künstler mit abenteuerlicher Kopfbedeckung empfangen. Und weiter ging es durch ein knallrotes Zelt mit magischer Beleuchtung geradewegs über die durch eine runde, gemusterte Plane markierte Manege zu den Plätzen, die im Halbkreis standen und zusätzlich auf der Bühne aufgereiht waren.

Hinter dem von den Städten Heidelberg und Weinheim unterstützten Zirkus-Projekt steht der von Bernhard Bentgens geleitete Heidelberger Beschwerdechor. Bentgens war begeistert von der reibungslosen Zusammenarbeit mit dem Veranstaltungsmeister der Stadthalle, Thomas Neitzel. „So etwas habe ich bisher noch an keinem Veranstaltungsort erlebt“, schwärmte er. Zusammen mit Paul Bentgens, dem Sohn des Chorleiters, hatte Neitzel innerhalb von knapp vier Stunden ein wahres Deko-Wunder vollbracht, indem er den soliden Theaterraum in ein romantisches Chapiteau verwandelte.

Wer Bernhard Bentgens und seine Chöre kennt, weiß, dass bei ihm der Humor direkt nach der Musikalität kommt. An diesem Abend ernteten besonders die behinderten Artisten die meisten Lacher. Das begann schon damit, dass am Eingang ein breit grinsender junger Mann mit dunkler Brille und Blindenstock stand und von der Mitarbeiterin der Redaktion den Presseausweis zu „sehen“ wünschte. Auch die Songs, die beim Beschwerdechor durchweg in Gemeinschaftsarbeit, jedoch meistens aus einem kleinen Ärgernis heraus, entstanden sind, erhielten donnernden Applaus.

Wie der Song der jungen Rollstuhlfahrerin im Hinblick auf die Geschäftsregale („Es ist alles viel zu hoch“) oder der gemeinsame Schrei nach dem stillen Örtchen („Ein Klo ein Klo, wo ist ein Rollstuhl-Klo“). „Wir singen, Sie träumen“, „befahlen“ die beiden Moderatorinnen, die eine kleinwüchsig, die andere im Rolli, jedoch rhetorisch riesengroß und vor allem witzig.

Bravorufe begleiten die Künstler

Den langen, blonden Andreas mit dem weißen „Maxim-Schal“ und dem leicht spastischen Gang mussten die beiden Damen allerdings öfter mal stoppen, wenn er mit seiner enorm tiefen Bassstimme mal wieder seinen Song „Bin behindert und glücklich, bin behindert und froh“ anstimmte. Ja, froh waren sie alle bei dieser Premiere in Weinheim. Sogar die beiden Clowns schafften es, der eher etwas mies gelaunten älteren Kollegin wenigstens einmal die Clowns-Nase aufzusetzen, sie dann jedoch ganz allmählich in die hohe Kunst der Komik einzuweihen.

Auch die Moderatorin im Rolli stimmte zunächst ein paar sanfte Töne auf der Ukulele an, die, begleitet von Dieter Rubach (Bass) und Bernhard Bentgens (Piano), plötzlich in ein brachiales „Born To Be Wild“ „ausarteten“. Im Kontrast dazu führte Jochen, der einarmige Magier, der mit seinen beiden Carbon-Beinprothesen demnächst an einem Marathon teilnimmt und für den Heidelberger Gemeinderat kandidierte, ins poetische Zauberland der prächtigen Blumensträuße und bunten Seidentücher.

Im Programmheft heißt es: „Das Leben mit Behinderung bietet skurrile und absurde Momente, die einfach saukomisch sind“. Und da sich diese zirkusbegabten Sängerinnen und Sänger nun mal Beschwerdechor nennen, beschwerten sie sich an diesem Abend, vor allem musikalisch, zum Beispiel über nicht zu überwindende Stufen. Der Refrain „Ich wär´ so gerne eine Rampensau“ passte nicht nur zum Song, sondern auch überhaupt zu den Künstlern des „Circus Inclusioni“, die an diesem Abend der Premiere von den Zuschauern mit Bravorufen gefeiert wurden. „Nach alter Tradition“, meinte Bernhard Bentgens, „gibt es bei unseren Chören keine Zugaben“. Und dabei hatte er wieder jenen Schalk im Nacken, der ihn so unverwechselbar macht.