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Literatur In „Schuldig“ bedient sich Kanae Minato einer ruhigen Erzählweise, die nach und nach einen starken Sog entfaltet

Spannung auf Japanisch

Fünf Studenten verbringen ein gemeinsames Wochenende in den Bergen, einer stirbt bei einem Autounfall. Jahre später werden die anderen des Mordes bezichtigt. Was geschah damals wirklich?

Die Japanerin Kanae Minato sorgte vor zwei Jahren mit ihrem Bestseller „Geständnisse“ für Furore. Das finstere Schuld- und Sühne-Drama um eine rachsüchtige Lehrerin wurde weltweit ein Bestseller, auch hierzulande gewann Minato (Jahrgang 1973) neue Fans. Viele dürften deshalb ihr neues Buch „Schuldig“ mit Spannung erwartet haben. Doch der aktuelle Roman ist anders, weniger gemein, weniger brutal, weniger hinterhältig.

Subtiles Psychospiel

„Schuldig“ ist vielmehr ein subtiles Psychospiel, das seinen Reiz gerade in seiner ruhigen Erzählweise entfaltet, die dennoch einen mächtigen Sog entwickelt. Minato geht es hier um die ganz großen Themen: Freundschaft, Schuld und Verantwortung.

Kazuhisa Fukase, Hauptfigur des Romans, ist ein junger Mann aus Tokio. Sein Leben als Angestellter eines Unternehmens für Bürobedarf verläuft unspektakulär. Er ist eben ein „farbloser Luftmensch“, der nur im Mittelpunkt steht, wenn es um Kaffee geht. Denn wie kein anderer kennt sich Fukase mit der Kunst des Kaffeezubereitens und -zelebrierens aus: „Diese Momente waren die einzigen in seinem Leben, wo sich alles um ihn drehte.“ Seine Freizeit verbringt er oft in einem kleinen Café, wo er neue Kaffee- und Honigsorten ausprobiert. Hier trifft er auch die Backwarenverkäuferin Mihoko, eine zarte Liebesgeschichte entsteht.

Dieser Romanauftakt erscheint wenig aufregend, fast schon etwas betulich. Doch bei Minato geschieht nichts zufällig. Was hier so scheinbar nebensächlich daher kommt, wird erst viel später seine Bedeutung entfalten, wenn es der Leser schon fast vergessen hat. Dann plötzlich nimmt die Handlung Fahrt auf. Mihoko erhält einen anonymen Brief mit einer ungeheuerlichen Anschuldigung: „Kazuhisa Fukase ist ein Mörder!“. Als sie Fukase darauf anspricht, muss er bekennen, dass ein dunkler Schatten über seinem Leben liegt.

Vor drei Jahren kam sein bester Freund Hirosawa bei einem Autounfall ums Leben. Mit Studienkollegen hatten sie damals einen Ausflug in ein abgelegenes Bergdorf gemacht. Nach einer alkoholseligen Party setzte sich Hirosawa in stürmischer Nacht beschwipst ans Steuer, um einen verspäteten Freund abzuholen. Er stürzte mit dem Wagen in eine Schlucht. Nun, Jahre später, erhalten Fukase und die anderen ehemaligen Studienkollegen anonyme Briefe, in denen sie des Mordes bezichtigt werden. Hatten sie tatsächlich Schuld an Hirosawas Tod? Was geschah damals wirklich?

Reise in die Vergangenheit

Fukase macht sich auf zu den Freunden von einst und beginnt eine schmerzvolle Reise in die Vergangenheit. Er besucht Hirosawas Eltern und ehemalige Klassenkameraden und versucht zu verstehen, wer Hirosawa war. Kannte er ihn wirklich und wie sah seine Freundschaft zu ihm überhaupt aus? Er erfährt viel über seinen Freund, aber mindestens ebenso viel über sich selbst, diesen schüchternen, nach Anerkennung gierenden jungen Mann.

Der Roman ist kunstvoll konzipiert und wartet mit einem überaus überraschenden Plot auf. Minato weiß geschickt Spannung aufzubauen, Fährten zu legen und in die Irre zu führen. Ganz nebenbei erfährt man in diesem Spannungsroman übrigens sehr viel über japanische Lebensgewohnheiten und die hohe Ess- und Genusskultur des Landes.