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Roman In „Messer“ geschieht ein Mord im inneren Zirkel des Kriminalbeamten Harry Hole – Doch der neue Thriller von Jo Nesbø lässt einige Fragen offen

Surreale Reise in die düsteren Seelen

Archivartikel

Es gehört zum Standardrepertoire der Harry-Hole-Serie und birgt die Gefahr von Langeweile – also etwas, das Leser von Jo Nesbøs Romanen eigentlich nicht kennen. Der Mordermittler ist wieder mal ganz unten – allein und verkatert in einem verdreckten Zimmer, im Job strafversetzt, von seiner geliebten Ehefrau wegen eines noch unklaren Fehltritts verlassen.

Doch Nesbø fügt die traurige jüngste Entwicklung des genialen Kriminalbeamten und stets gefährdeten Alkoholikers in einen Handlungsrahmen ein, der das Leserinteresse trotz altbekannter Muster schnell wieder weckt. Auch „Messer“, der zwölfte Hole-Band des norwegischen Erfolgsautors, entwickelt Sogwirkung.

Dem Tod näher als dem Leben

Ein brutaler, wahnsinniger Vergewaltiger und Mörder namens Svein Finne, bereits aus dem Vorgängerroman „Durst“ bekannt und berüchtigt, treibt wieder sein Unwesen in Oslo. Und eine surreale Szene ganz am Anfang des Buchs lässt vermuten, dass Harry auch diesmal dem Tod zeitweise näher sein wird als dem Leben.

War „Koma“ (2013) der wohl raffinierteste Krimi der Hole-Reihe und „Durst“ (2017) der blutigste, so ist „Messer“ der bisher düsterste, psychologisch fundierteste Nesbø-Thriller. Er rückt den teilweise schon lange bekannten Hauptfiguren so nahe wie noch nie zuvor. „Es ist ein Buch über Harry Holes inneren Zirkel, ein Buch über Intimität – also eine Sache, in der Harry nicht sehr gut ist“, sagte Nesbø kürzlich der „Irish Times“.

Die erst seit kurzem mit Harry Hole verheiratete Rakel Fauke, ihr Sohn Oleg, der eher bodenständige Kriminaltechniker Bjørn Holm, Kommissarkollegin Katrine Bratt und auch die mysteriöse Kaja Solness – sie alle werden in einen Strudel gerissen, der nur Tote und Verlierer hinterlassen kann. Neue Figuren kommen noch hinzu, gleich mehrere Verdächtige für einen furchtbaren Mord treten auf und wieder ab – es ist nicht immer leicht, auf den immerhin 575 „Messer“-Seiten den Überblick zu bewahren.

Zumal der Autor mit Rückblenden und Erinnerungsfetzen arbeitet, deren Sinn sich jedoch nicht sofort erschließen. Darüber hinaus verstrickt Nesbø seinen Protagonisten in ein verwirrendes Netz amouröser Beziehungen, die nicht immer glaubwürdig wirken angesichts der heruntergekommenen Loser-Existenz des Harry Hole.

Tritt auf die Splatter-Bremse

Aber natürlich ist der 59-jährige Ex-Rockmusiker Nesbø ein so erfahrener, gewiefter Erzähler, dass die Handlungsfäden schließlich doch zusammenfinden – wenn auch in einem recht konstruierten, nicht gänzlich zufriedenstellenden Finale. Im Abspann würfelt Harry Hole um seine Zukunft. Und wie schon früher fragt sich der Leser, ob hier ein Schlusspunkt dieser 1997 gestarteten, weltweit wegen ihrer Qualität gerühmten, mit rund 30 Millionen verkauften Büchern enorm lukrativen Serie erreicht ist.

Bisher war Hole auch nach schlimmsten Verletzungen und Schicksalsschlägen immer zurückgekehrt. Er hat die grausamsten Serienmörder zur Strecke gebracht – dass sich die explizite Gewalt nach dem Vampiristen-Reißer „Durst“ kaum mehr steigern ließ, hat Nesbø erkannt. Mit „Messer“ tritt er auf die Splatter-Bremse und präsentiert einen anderen Täter-Typus. Trotz dieser Neuerungen: Ein wenig überkommt den langjährigen Fan das wehmütige Gefühl, dass die Geschichte des Osloer Ermittlers auserzählt ist. Sein Erfinder hatte zuletzt mit der „Blood On Snow“-Reihe (2015/16) und der insgesamt gelungenen Shakespeare-Adaption „Macbeth“ (2018) ja bereits bewiesen, dass es einen Erfolgsautor Nesbø auch ohne Harry Hole geben kann.