Seite 1 - MM

Literatur Journalist Frédéric Martel wirft in seinem Enthüllungsbuch hohen katholischen Geistlichen Doppelmoral im Umgang mit Homosexualität an

System der Scheinheiligkeit

Archivartikel

Das Szenario klingt ungeheuerlich: Nachts sollen sie sich heimlich aus dem Vatikan schleichen und Stricher von der Straße aufsuchen. Oder mit einem „Assistenten“ zusammenleben. Wieder andere sollen junge attraktive Schweizergardisten mit ihren Avancen belästigen. Und nicht wenige nutzten ihre Reisen, um in der Ferne ungestört ihren homosexuellen Neigungen frönen zu können. Auch schwule Pornografie werde hinter den Mauern des Vatikans eifrig konsumiert, manche Prälaten seien regelrecht süchtig danach. „Der Vatikan ist eine der größten homosexuellen Communitys der Welt“, schreibt der Franzose Frédéric Martel in seinem Buch „Sodom. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan“.

Selbst in San Francisco gebe es nicht so viele Schwule wie hier. Mit dem Unterschied allerdings, dass der Vatikan eine Hochburg der Heuchelei sei. Denn das homosexuelle Doppelleben vieler sei oft in der Öffentlichkeit mit einer „äußerst atemberaubenden Homophobie“ gepaart. Papst Franziskus, der nach Ansicht des Autors selbst nicht der homosexuellen „Gemeinde“ angehört, weiß über all das Bescheid. In einer Predigt prangerte er diese Scheinheiligkeit 2016 offen an: „Hinter der starren Strenge verbirgt sich immer etwas, in vielen Fällen ein Doppelleben. Aber das ist auch etwas Krankes.“

System Kirche im Fokus

Der investigative Journalist Martel ist selbst homosexuell. Ihm geht es in seinem Buch nicht darum, die sexuelle Neigung vieler Kirchenmänner bloßzustellen. Er greift vielmehr das System Katholische Kirche an, vor allem das Zölibat. Die erzwungene Ehelosigkeit begünstige die Tendenz, dass sich vor allem Homosexuelle zum Priesteramt hingezogen fühlten. Da die Kirche aber Homosexualität offiziell verurteile, müssten sie ein Doppelleben führen. Das Thema ist hochbrisant und trifft die Katholische Kirche zu einem Zeitpunkt, zu dem sie eh schon wegen der vielen Missbrauchsskandale schwer unter Beschuss ist.

Martel ist kein windiger Schreiberling. Sein Buch ist Ergebnis jahrelanger Recherche. Seine Belege sind erdrückend. 1500 Interviews wurden geführt, alle vor Ort und persönlich. 41 Kardinäle waren zu Aussagen bereit. Sie werden namentlich aufgelistet. Auch mit Priestern, Seminaristen und Schweizergardisten hat er gesprochen sowie mit Strichjungen aus Rom, zu deren bevorzugter Klientel Priester gehören („Sie sind treu und zahlen gut.“).

Kapitel zu deutschem Papst

Manche Stellen lesen sich wie in einem schlechten Film. So erzählt Martel von zwei schwulen Kardinälen, die ihre „Glanzzeit“ unter Papst Johannes Paul II. hatten. Über einen anderen Bischof kursiert intern der Spruch „Spitze bei Tag, Leder bei Nacht“. Martel gibt ihre Namen nicht preis, andere dagegen schon.

Ein besonders krasser Fall ist der des 2008 verstorbenen kolumbianischen Kardinals López Trujillo. Unter Johannes Paul II. führte er einen Feldzug gegen Kondome. Dabei lebte er selbst seine Homosexualität aus. Anwerber in der ganzen Welt führten ihm junge Männer zu.

Auch Papst Benedikt ist ein Kapitel gewidmet. Er ist für Martel eine tragische Figur. Der Autor unterstellt ihm homophile Neigungen, die er aber sublimiert habe. Vielleicht gerade deshalb habe bei Benedikt der Kampf gegen die Homosexualität eine neue Dimension angenommen. Nach Ansicht von Martel war das ungelöste Schwulenthema neben der niederschmetternden Serie von Missbrauchsenthüllungen auch ein Hauptgrund für seinen Rücktritt.

Auch wenn Martel immer mal wieder auf Abwege kommt und sich bisweilen in Details verliert, ist sein Buch seriös und fundiert. Umso niederschmetternder ist der Inhalt. Er hat das Zeug, die Kirche weiter zu erschüttern. Der Autor selbst sieht sein Werk als Anfang einer längeren Enthüllungsgeschichte. dpa