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Literatur Hans Magnus Enzensberger schreibt eine „Experten-Revue in 89 Nummern“ / Autor trägt zum Verständnis der Gegenwart bei

Traumtänzer und Terroristen

Archivartikel

Eigentlich ist der Mensch ein unvollkommenes Wesen. Wir können nicht fliegen und nicht so gut gucken, auch mit dem Schwimmen ist es nicht weit her. Dass der Mensch sich trotzdem zum Herrscher der Welt aufgeschwungen hat und für sich in Anspruch nimmt, zu entscheiden, was gut und böse ist, dem Fortschritt dient und was wir zerstören können oder erhalten sollen, liegt vielleicht einzig an unserer Fähigkeit zur Arbeitsteilung: Jeder von uns, davon ist Hans Magnus Enzensberger überzeugt, hat das Zeug zum Experten und verfolgt seine Passion mit manchmal gnadenloser Obsession. Das wird uns vielleicht in die Morgenröte einer glorreichen Zukunft, wahrscheinlicher aber – weil der Mensch fehlbar ist – in den Abgrund führen.

Er blieb sich treu

Hans Magnus Enzensberger ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen deutschen Intellektuellen. Das interdisziplinäre Denken und genreübergreifende Schreiben ist bei ihm Programm. Immer hat er sich in seinen Gedichten und Essays, literarischen Miniaturen und dokumentarischen Erzählungen für Außenseiter und Querdenker, Verschrobene und Ausgegrenzte eingesetzt. Schon in seiner Dissertation preist er den Dichter Clemens Brentano als „Kobold und Bürgerschreck“, „Komödiant, Tagdieb und Gitarrenspieler“: ein „leidenschaftlicher, unsteter Mann“. Das war auch ein ironisches Selbstporträt des damals zornigen jungen Mannes, der kurz davor war, die Literatur aufzumischen und sich bis heute in seiner lächelnden Widersprüchlichkeit treu geblieben ist: Nie ist Enzensberger da, wo wir ihn vermuten: Langweilig wird es mit dem Gründer von „Kursbuch“, „TransAtlantik“ und „Anderer Bibliothek“ jedenfalls nie.

Jetzt gönnt sich der 89-jährige Berufsjugendliche einen kecken Spaß und schenkt uns „Eine Experten-Revue in 89 Nummern“, schleicht sich in das Leben und die Leidenschaft von Spezialisten: einer ist begnadeter Busfahrer, ein anderer genialer Zahlentheoretiker, einer ist ein Henker mit speziellen Fähigkeiten, ein anderer ein spinnerter Tütensammler. Es gibt auch einen visionären Textilfachmann, einen erfolgreichen Hochstapler und jemanden, der die Entwicklung des kopfschützenden Helms vorangebracht hat. Die meisten Namen sind längst Schall und Rauch. Aber es sind Experten, ohne die sich die Welt etwas langsamer drehen würde.

Natürlich gibt es auch den einen oder anderen Fiesling, der sein Wissen zur Verführung und Vernichtung nutzte: Joseph Goebbels war ein Reklame-Genie und erfand das Corporate Design der Nazis. Der Name des 1867 geborenen Trotz- und Feuerkopfs Johann Most, der den Terror als politisches Mittel propagierte und ein Buch über „Revolutionäre Kriegswissenschaft“ schrieb, wird seinen verrückten Nachfahren, die sich vorzugsweise selbst in die Luft sprengen und unzählige unschuldige Menschen mit in den Tod reißen, wohl nicht bekannt sein.

Man muss Experten nicht mögen. Man sollte aber wissen, was sie ausbrüten und warum sie meinen, sie seien in ihrem Fach die besten. Enzensberger hilft uns dabei, die krausen Gedanken dieser Traumtänzer und Terroristen zu verstehen. Das ist manchmal komisch, gelegentlich aber auch tief traurig.