Seite 1 - MM

Literatur Benoîte Groult beschreibt in ihren Tagebüchern, die jetzt unter dem Titel „Vom Fischen und von der Liebe“ erschienen sind, freizügig ihr Beziehungsleben

Über Affären und das Älterwerden

Ein Sommerhaus in Irland, ein Liebhaber, ein Ehemann – und eine Schriftstellerin, die das Fischen liebt: Das ist die Konstellation in den Aufzeichnungen von Benoîte Groult (1920-2016), die nun in Deutschland erschienen sind. Die französische Feministin, die 1988 den Weltbestseller „Salz auf unserer Haut“ veröffentlichte, schrieb ihr Leben lang Tagebuch. Die Passagen zu ihren Urlauben im irischen Ferienhaus hat eine ihrer Töchter zusammengestellt – herausgekommen sind 400 Seiten Sommerfrische, die sich „Vom Fischen und von der Liebe“ nennen und die Zeit von 1977 bis 2003 abdecken.

Unterhaltsame Beschreibungen

„Ehebruch mit dem Segen der eigenen Kinder – ist das nicht schön?“, schreibt Benoîte Groult einmal. Da hat sie bereits seit einer Weile ihre alte Liebschaft zu Kurt wiederaufgenommen, einem amerikanischen Piloten, dessen Heiratsantrag sie als junge Frau abgelehnt hatte. Er war ihr nicht intellektuell genug. Stattdessen heiratete sie 1951 den französischen Schriftsteller Paul Guimard in dritter Ehe. Zuvor war sie mit einem Medizinstudenten zusammen, der früh starb, danach vier Jahre mit einem Journalisten, mit dem sie zwei Töchter bekam. Auch mit Guimard, Ehemann Nummer drei, hat sie eine Tochter.

Die Liebe ihres Lebens sollte aber Pilot Kurt bleiben, der Ende der 1970er Jahre wieder in Groults Leben auftaucht. Die Journalistin ist Ende 50, die wiederaufgeflammte Leidenschaft tut ihr gut. „Das Gefühl, wie wahnsinnig geliebt zu werden, wiegt sämtliche Verjüngungskuren auf“, schreibt sie. Kurt – selbst verheiratet und fast 70 –besucht seine Geliebte nun bis ins hohe Alter jeden Sommer und inspiriert Groult zu ihrem Weltbestseller „Salz auf unserer Haut“, den sie in dieser Zeit schreibt. Aus Kurt wird der bretonische Fischer Gauvin, Groult selbst zur Pariser Intellektuellen George. Wie autobiographisch der Roman ist, gibt sie in ihren Tagebüchern immer wieder zu – und freut sich, wenn es einer nicht merkt. Oder wahrhaben will.

Ehemann Paul jedenfalls – der Groult schon Anfang ihrer Ehe das Herz brach, weil er nebenher noch eine andere liebte - erträgt die Ménage-à-trois aus dem fernen Paris mal besser, mal schlechter. Groult: „Dass wir 30 Jahre zusammen waren, ist für mich noch lange keine Verpflichtung, auch die nächsten zehn Jahre so zu verbringen.“

Am Ende verlässt sie aber weder Paul, noch gibt sie Kurt eine dauerhafte Perspektive. „Seien wir ehrlich: So berauschend ist die Aussicht nicht, einen Ehemann mit knotigen Krampfadern und Hängebacken gegen einen Liebhaber einzutauschen, der das auch hat und außerdem neun Jahre älter ist.“

Unterhaltsam an Groults Aufzeichnungen ist vor allem, wie sie auf die beiden Männer blickt. Paul kommt dabei oft schlechter weg als Kurt: „Der Alkohol versetzt ihn in einen Dämmerzustand. Und wenn er sich bewegt, erinnert er an eine Seegurke.“ Als er hinkt, schreibt sie: „Er sieht aus wie ein alter englischer Lord, der vom Pferd gefallen ist.“

Ihr amerikanischer Liebhaber dagegen sagt am Telefon schon „I love you“, wenn er den Hörer abnimmt: „Ein Piepton vor dem regulären Klingeln verrät ihm, dass es sich um einen Anruf aus Übersee handelt.“ Groult schwärmt: „Nie unterläuft ihm eine unangenehme oder grobe Geste. Das ist mindestens so viel wert wie Intelligenz.“ Die beiden verbringen Groults Schilderungen zufolge die meiste Zeit im Bett, trotz Kurts hohen Alters – „Sämtliche Muskeln brennen, und sein Penis auch.“

Lakonisch vermerkt die Französin: „Er gibt sich alle Mühe und würde so gern bei der Liebe sterben. Wir versuchen es ja, aber er stirbt ganz und gar nicht.“ Kurt stirbt schließlich im Jahr 2001, Paul drei Jahre später, Benoîte Groult 2016 – im Alter von 96. Das Buch ist nicht nur eines über die Liebe, sondern auch über das Altern.

Selbstironische Passagen

Berührend ist, wenn Groult beschreibt, wie die Kräfte nachlassen. Im Fall von ihr und Paul betrifft das vor allem das Fischen. Das körperlich anstrengende Hobby zur See ist schließlich der Grund, warum sie sich überhaupt das Ferienhaus in Irland gekauft haben. „Um hier zu überleben, muss man jung oder verrückt oder besoffen oder bekloppt sein – oder alles auf einmal!“ Trotzdem kommt viel Besuch – einmal gar der französische Staatspräsident Francois Mitterand, für den Ehemann Paul zeitweise als Berater arbeitet.

Groult schreibt neben dem mühsamen Alltag im verregneten Irland und ihrem kapriziösen Liebesleben aber auch sehr offen über sich selbst. Manchmal klingt sie hart, fast bitter: „Altsein ist schändlich, wenn es nicht durch Gewandtheit, Intelligenz, Geist kaschiert wird.“ Dann ist man froh, wieder ihren Humor aufblitzen zu sehen: „Ich kann einfach nicht glauben, dass ich 77 bin. Der Statistik zufolge würde mich höchstens ein Perversling noch vergewaltigen“, schreibt sie voller Sarkasmus.