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Neuerscheinungen Thriller, Wohlfühlkrimis oder Wirtschaftsfälle – die Spannungsliteratur setzt im Frühjahr auf viele neue, aber auch altbewährte Ermittler

Ungebrochene Freude bei Tätersuche

„Es scheint so, als ob sich der Mensch an Mord erfreut, so lange er nicht selbst Opfer ist“ – die Erkenntnis von Altmeister Alfred Hitchcock ist heute so aktuell wie eh und je. Das noch junge Jahr 2020 hält denn auch schon wieder eine kaum überschaubare Schwemme an Spannungsunterhaltung bereit. Allein im Printbereich werden es bis in den Frühsommer Hunderte Neuerscheinungen und -auflagen von Kriminalfällen sein. Das Interesse daran scheint nach wie vor ungebrochen.

Was sich von Zeit zu Zeit ändert, sind die Trends: Standen unlängst noch Regionalkrimis hoch im Kurs, waren es lange Zeit Skandinavienkrimis. Momentan scheint sogenannter True Crime, der auf wahren Kriminalfällen beruht, besonders beliebt zu sein. Das hat, so der Literaturwissenschaftler Thomas Wörtche, seine Ursache im Trost verheißenden Abschluss. „In Zeiten der großen sozialen Verunsicherung bietet True Crime eine einfache Botschaft: Wir kriegen euch alle!“

Tsokos setzt Serie fort

Mitunter sind Autoren solcher Sachbücher oder Belletristik Experten und berichten aus ihrer Berufspraxis. Wie Gerichtsmediziner Michael Tsokos. Vor acht Jahren debütierte er – damals noch gemeinsam mit Thrillerautor Sebastian Fitzek – mit dem Roman „Abgeschnitten“, dem im vergangenen Jahr sein Solo „Abgeschlagen“ folgte. Nun kommt im Februar der nächste Band um den Rechtsmediziner Paul Herzfeld mit dem Titel „Abgefackelt“ heraus. Es geht um ein abgebranntes Klinikum-Archiv, bei dem nicht nur Akten und Gewebeproben den Flammen zum Opfer fielen, sondern auch Herzfelds Vorgänger.

Im März bringt der Münchner Droemer-Knaur Verlag Band 2 der Vanitas-Serie um die Wiener Blumenhändlerin Carolin heraus. Nach „Schwarz wie Erde“ hat Ursula Poznanski mit „Grau wie Asche“ erneut ein schauriges Szenarium um die mysteriöse Carolin geschaffen – mit zünftigen Gruseleffekten. Chris McGeorge hat in „Der Tunnel“ (Mai) seiner Vorliebe für verwinkelte Plots freien Lauf gelassen und einen beklemmenden Schauplatz gefunden. Im Mai bringt Marc Hofmann bei Knaur Krimi-Freunde zum Schmunzeln. „Der Mathelehrer und der Tod“ ist der erste Band einer humorigen Reihe. Hofmann – selbst Pädagoge – lässt den kauzigen Deutschlehrer Gregor Horvath seinen ersten Fall lösen. „Das Dezernat für heikle Fälle“ von Alexander McCall Smith, das ab Juli in den Verkauf geht, gehört ebenfalls in die Kategorie Wohlfühl-Krimis (Cosy Crime).

Einflüsse der Digitalisierung

„Cosy Crime“ liegt im Aufwind – weg von bluttriefenden Thrillern und grauenvollen Horrorszenarien, wenn auch die ihre Fans haben und ebenfalls reichlich im Angebot sind. Im Unterschied zu diesen stolpern im Cosy Crime häufig „Normalos“ über Verbrechen, wie Cathy Callaghan, Betreiberin eines kleinen Bed&Breakfast im englischen Plymouth. Sie findet eine Leiche und begibt sich auf Verbrecherjagd. Nachzulesen ab März in „Der Gin des Lebens“ von Carsten Sebastian Henn bei DuMont. Klassische Cosy Crime à la Agatha Christie findet der Leser bei Goldmann und Martha Grimes 25. Fall ihres „Inspektor Jury und die Tote am Strand“ im April.

Wirtschafts- und Wissenschaftsthriller kommen an der Digitalisierung natürlich nicht vorbei. Daher auch noch explizit ein Buchtipp zu diesem Komplex: Suhrkamp schickt im Juni Zoë Beck mit ihrem apokalyptischen Titel „Paradise City“ ins Rennen. Hierin geht es um den Handel mit Gesundheitsdaten und eine Gesellschaft, die immer mehr von Algorithmen geprägt wird, nicht zuletzt auch um fatale Auswirkungen des Klimawandels.

Historische Handlungen beliebt

Unterhaltsame Krimikost bringt der Schweizer Diogenes Verlag heraus. Natürlich mit Martin Walker und Donna Leon. Während Walkers Chef de Police Bruno seinen 12. Fall in „Connaisseur“ im April löst, geht Leons Commissario Brunetti ab Mai in „Geheime Quellen“ auf Verbrecherjagd (29. Fall).

Längst aus der Nische heraus hat sich der historische Krimi mehr Raum verschafft. Bei Gmeiner bildet er einen Schwerpunkt: „Die Krypta des Satans“ von Uwe Klausner ist der siebte Teil um einen detektivisch begabten Mönch, der im Februar erscheint. Mit „Eisenblut“ von Axel Simon startet der zu Rowohlt gehörende Kindler Verlag im März eine historische Krimiserie aus der Kaiserzeit. Und Piper legte bereits zu Jahresbeginn den Roman „1794“ des Schweden Niklas Natt och Dag auf – ein Nachfolger des Bestsellers „1793“ aus dem Vorjahr. Eine Mischung aus True Crime und historischem Thrill ist die Geschichte um den deutschen Massenmörder Fritz Haarmann von Dirk Kurbjuweit. Penguin bringt den realen Kriminalfall aus den 1920er Jahren im Februar heraus.

Der aufgeführten Titel sind natürlich nur ein Bruchteil dessen, was auf dem Krimimarkt zu erwarten ist, aber sie bestätigen durchweg eine weitere Hitchcock-Erkenntnis: „Das Drama ist ein Leben, aus dem man die langweiligen Momente herausgeschnitten hat.“ dpa