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Literatur Rétif de la Bretonnes „Die Nächte von Paris“

Ungewohnte Stadtansicht

Archivartikel

Beschreibungen über Paris gibt es viele. Doch dieses Buch ist etwas Besonderes. Denn es schildert die Stadt von unten, ihre nächtliche Schattenseite. Es ist die Stadt der Freudenmädchen und Lumpensammlerinnen, der Plakatabreißer und Grabräuber, der Cafés, Billard-Lokale und Absteigen. „Unter all unseren Literaten bin ich vielleicht der Einzige, der das Volk kennt, denn ich mische mich ständig unter die Leute. Ich will das Volk schildern“, schreibt Rétif de la Bretonne (1734-1806). Und das gelingt ihm wie keinem anderen seiner Zeit. Seine nächtlichen Spaziergänge durch die damals größte Stadt Europas sind ein einmaliges Sittengemälde der Epoche Ludwigs XVI. und der Revolution. Der Flaneur und Literat gibt Menschen eine Sprache, die in Büchern sonst nicht vorkommen. Übliche Sehenswürdigkeiten interessieren den Autor nicht, dafür hat er eine Vorliebe für das Dubiose, aber auch Anrührende und Empörende. Das macht seine präzise beschriebenen Streifzüge immer noch lesenswert, besonders für alle Paris-Liebhaber (Rétif de la Bretonne: „Die Nächte von Paris“. Hrsg. v. Reinhard Kaiser. Galiani, Berlin. 528 Seiten, 28 Euro). dpa