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Buch Dokument eines längst vergessenen Schicksals und Wiederentdeckung der Autorin Zora Neale Hurston

Vom Sklavenalltag in den USA

Archivartikel

Rund 90 Jahre hat es gedauert, bis dieses Buch einen Verlag fand, geschrieben von einer Autorin, die zu den maßgeblichsten Stimmen der afroamerikanischen Literatur zählt. Zora Neale Hurston heißt diese Autorin, 1891 geboren, 1960 gestorben.

Einer von Hurstons vier Romanen liegt bereits auf Deutsch vor – „Vor ihren Augen sahen sie Gott“ –, ebenso wie Hurstons Autobiografie „Ich mag mich, wenn ich lache“. Zu erzählen hatte die Autorin viel, gehörte sie doch zu den Schriftstellern der Harlem Renaissance, die insbesondere zwischen den beiden Weltkriegen das Leben der Schwarzen in den USA aus eigener Sicht thematisierten.

Zudem war Hurston nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Anthropologin – und dafür liefert ihr nun ebenfalls ins Deutsche übersetzte Buch „Barracoon“ den Beweis. Es beruht auf Interviews mit Oluale Kossula, vereinfachend Cudjo Lewis genannt, dem letzten Überlebenden des Sklavenhandels.

Es muss seinerzeit geradezu einen Run der Harlem-Renaissance-Autoren auf Kossula gegeben haben, doch allein Hurston nahm sich die Zeit, im Jahr 1927 immer wieder den damals 86-Jährigen ausführlich zu befragen. Mit dem letzten Sklavenschiff war er 1860 in die USA gekommen, hatte als Sklave in einer der Barracoons, der Baracken, gelebt, bis er nach Abschaffung der Sklaverei 1865 in den USA die Freiheit erlangte. Nach seinem Tod wollte er begraben sein wie in Afrika, „weil es das ist, wo ich sein will“ – was genug aussagt über seine Jahre in den USA.

„Barracoon“ ist aber nicht einfach ein Interview, sondern aufgrund der Frageweise Hurstons ein ethnografisches Dokument. Kossula erzählt von seiner Kindheit in Westafrika, von den gesellschaftlichen Strukturen und Traditionen dort.

Im Jargon des Zeitzeugen

Dass so etwas in den 1920ern Literatur wurde, ist sensationell, sprach man damals afrikanischen Völkern doch Zivilisiertheit und staatliche Lebensformen ab. Aufsehen erregte das Manuskript aber auch deshalb, weil Hurston in einer Vorveröffentlichung als akademischer Aufsatz weitere Quellen einarbeitete – und diese angeblich nicht kennzeichnete. Ungeklärt ist das bis heute, im Vorwort zu „Barracoon“ sind die Materialien jedenfalls genannt.

Bemerkenswert ist das Buch aber auch deshalb, weil es – selbst in der Übersetzung noch erkennbar – im Jargon des Sprechers Kossula bleibt. Der deutschsprachigen Ausgabe sind einige Abschnitte im englischen Original beigefügt. Zahlreiche Anmerkungen, eine Einleitung der Herausgeberin Deborah G. Plant sowie ein Glossar informieren über die erzählte Zeit und die geschilderten Begebenheiten. So ist „Barracoon“ sogar noch nach 90 Jahren lesenswert .