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Ratgeber Fahrverbote für Diesel gibt es bisher nur in wenigen Städten – doch das könnte sich ändern / Nutzen und Nachteile

Wann lohnt sich die Nachrüstung?

Archivartikel

Stuttgart/München.Fahrverbote sind ein Schreckgespenst für Besitzer vieler Diesel-Autos. Nachrüstungssysteme sollen jetzt Millionen dieser Fahrzeuge sauber genug machen, damit sie auch in die Verbotszonen einfahren dürfen - die ersten sind bald flächendeckend verfügbar. Nur: Wer braucht sie? Wichtige Fragen und Antworten.

Wo gelten Fahrverbote?

Bisher gelten lediglich in einigen Städten Fahrverbote: in Hamburg oder Darmstadt etwa für einzelne Straßenabschnitte, in Stuttgart für den Bereich der aktuellen Umweltzone. In der baden-württembergischen Hauptstadt sind bislang nur Euro-4-Diesel und schlechter betroffen – es wird allerdings über eine Ausweitung auf Euro 5 nachgedacht. In Hamburg und Darmstadt gilt das Verbot auch für Euro-5-Fahrzeuge. Voraussichtlich im Oktober sollen in Berlin erste Verbote gelten. Eine Übersicht zu Regelungen in einigen Städten hat der ADAC im Internet zusammengestellt.

Für welche Fahrzeuge gibt es Nachrüstungssätze?

Für Euro-5-Diesel-Modelle mehrerer Marken, etwa VW und Volvo. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) hatte im Juli und August mehrere Systeme genehmigt und Listen mit Auto-Modellen veröffentlicht, die mit diesen ausgestattet werden können – darunter etwa Mercedes C220 und C250 cdi oder verschiedene VW-Modelle mit Motoren bestimmter Baujahre. Autos mit Euro-4-Norm oder schlechter können bislang nicht nachgerüstet werden.

Ab wann stehen sie zur Verfügung?

Hersteller Baumot wird die ersten Seriensysteme voraussichtlich im Oktober ausliefern. Entsprechend erwarte man mit Beginn des vierten Quartals eine flächendeckende Nachrüstung, teilt die Firma auf Anfrage mit. Baumot hat vom KBA eine Betriebserlaubnis für Nachrüstsysteme für mehr als 60 Modelle des VW-Konzerns erhalten, darunter auch Autos von Skoda, Audi und Seat. Der Bamberger Technologie-Anbieter Dr Pley, der vom KBA schon Betriebserlaubnisse für Volvo- und Mercedes-Modelle bekommen hat, teilt mit, dass die Systeme ab Ende Oktober 2019 verfügbar seien.

Wer braucht die Nachrüstungen?

Die wichtigste und zugleich schwierigste Frage. Denn wo bisher Euro-5-Verbote gelten, sind nur Straßenabschnitte betroffen. Die ließen sich in der Regel noch umfahren, sagt Constantin Hack vom Auto Club Europa (ACE). Doch sollte etwa in Stuttgart, wo der ACE sitzt, in der City ein Verbot für Euro-5-Diesel kommen, droht vielen Haltern ein großes Problem. „Wie kommen sie dann auf Arbeit oder nach Hause?“ Dann sei der Druck zur Nachrüstung deutlich größer. Hack sagt: „Momentan braucht es zwingend noch niemand.“ Bei flächendeckenden Verboten könnte sich das aber ändern. Generell sei der ACE für die Nachrüstungen: „Um die Luft sauberer zu halten – und weil das dann auch weiteren möglichen Verbotszonen vorbeugt.“

Wie funktioniert die Reinigung?

Vereinfach gesagt reinigen sie Abgase mit Hilfe des Harnstoffs Adblue. Die Autos sollen konkret weniger Stickoxide (NOx) ausstoßen: nach Vorgaben des KBA nicht mehr als 270 Milligramm je Kilometer im Realbetrieb. Die Systeme haben keinen Zugriff auf die Motorsteuerung, erläutert Hack. Das habe die Entwicklung für die Nachrüster schwierig gemacht. Die Systeme müssen die Abgase, die aus dem Motor kommen, also nachträglich filtern, um die Vorgaben zu erfüllen.

Was bringen die Systeme?

Aus einem Euro-5-Diesel wird damit kein Euro-6-Diesel. „Das Auto bleibt in der bestehenden Euro-Norm“, erklärt Hack. Halter bekommen einen Eintrag in den Fahrzeugschein (Zulassungsbescheinigung Teil 1). Dieser bestätigt den Einbau des Nachrüstsatzes, wie der ADAC erklärt, der im Netz zentrale Informationen zum Thema zusammengestellt hat.

Was kostet der Einbau?

Baumot gibt die Kosten für System und Einbau mit 3300 Euro an. Bei Dr Pley werden je nach Fahrzeugtyp ab 3000 Euro fällig.

Gibt es Förderung?

Das sollte man vorher klären, rät ACE-Experte Hack. Daimler zum Beispiel schießt unter bestimmten Voraussetzungen bis zu 3000 Euro für die Nachrüstung zu – zum Beispiel, wenn der Wohnort oder der Arbeitsplatz in einer der Schwerpunktregionen mit sehr hohen Schadstoffwerten liegt.

Kommen Mehrkosten auf den Halter zu?

Durchaus. Während die Kosten für Adblue im eher marginalen Bereich liegen, kann der Kraftstoffverbrauch nach Einbau des Systems um fünf bis zehn Prozent steigen, sagt Hack unter Verweis auf Angaben der Nachrüster. „Das macht sich schon bemerkbar im Geldbeutel.“ tmn