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Weinheim Lutz Püschel sucht über Jahrzehnte Kristalle in den Alpen / Nun verkleinert er seine Sammlung

„Was wir machen, ist schon ein bisschen extrem“

Archivartikel

Als Lutz Püschel seine Leidenschaft für Kristalle entdeckte, ahnte er nicht, wie die glitzernden Mineralien in den kommenden Jahrzehnten sein Leben verändern würden. Eigentlich wollte er nur, dass seine beiden Söhne, damals etwa sieben und neun Jahre alt, sich im Urlaub in Österreich trotz Regen nicht langweilen müssen. So meldete er sich und die Kinder zu einer Mineralien-Wanderung an, von der er auf einer Litfaßsäule gelesen hatte. „Ich dachte, das wäre etwas für die Buben“, sagt er im Rückblick. Begeistert war am Ende allerdings nur einer: der Vater.

Gut 50 Jahre später steht Püschel vor einem Teil seiner Kristallsammlung in seiner Wohnung in Weinheim. Wie viele Kristalle er hat, kann der 77-Jährige nicht sagen – auf jeden Fall so viele, dass sie sich auch in Kisten im Keller stapeln. In dem gläsernen Regal in seinem Arbeitszimmer bewahrt er nur Kristalle der zweiten Generation auf. Viele sind fast durchsichtig, andere – die Amethysten – schimmern violett oder – die Rauchquarze – schwarzbraun. Alle sind Bergkristalle, bestehen also aus Siliciumoxiden.

„Faszinierende Zeit in den Bergen“

Vor circa 20 Millionen Jahren sind die Bergkristalle mehrere Kilometer unter der Erdoberfläche entstanden. Die sechseckigen Gebilde brauchen gleichmäßigen Druck und Temperaturen zwischen 350 und 550 Grad Celsius, um zu wachsen. Verändern sich die Verhältnisse, zum Beispiel aufgrund eines Erdbebens, kommt das Wachstum zum Erliegen. Werden die Druck- und Temperaturverhältnisse später wiederhergestellt, können sich neue Kristalle auf den vorhandenen bilden. Das sind die Kristalle der zweiten Generation. 270 besitzt Püschel von ihnen, viele hat er selbst gesammelt, andere gekauft. Sie stammen aus Österreich, der Schweiz, Italien, Frankreich und der Slowakei und bilden den Schwerpunkt seiner Sammlung. Zwischen 12 und 270 Millimeter sind sie groß – und die einzigen, die er behalten will. Einen Großteil der Sammlung, die er über Jahrzehnte aufgebaut hat, verkauft er gerade.

Denn mit der Mineralien-Wanderung in Österreich begann für Püschel eine „faszinierende Zeit in den Bergen“, wie er sie selbst beschreibt. Über 40 Jahre fuhr er jedes Jahr eine Woche lang in die Alpen, um Kristalle zu suchen – erst im Rahmen von geführten Exkursionen, später in einer Gruppe von sechs Freunden. „Strahler“ nennt man Mineraliensammler in der Schweiz – „vielleicht, weil manche Kristalle wie Strahlen vom Fels abstehen“, mutmaßt Püschel. Wenn sie im Licht glitzern, könnten es tatsächlich kleine Sonnenstrahlen sein.

Das Glück der Strahler

Bis zu 900 Kilogramm Gepäck hatten Püschel und seine Freunde auf ihren Touren dabei: Hammer, Meißel, Eispickel und Brecheisen, um die Klüfte zu öffnen, in denen die Kristalle sich befinden, Kletterausrüstung, um überhaupt zu den Klüften zu kommen, Zelte und Verpflegung, um eine Woche lang in den Bergen zu bleiben. Ein Hubschrauber brachte die Gruppe nach oben. „Das, was wir machen, ist schon ein bisschen extrem“, gibt Püschel zu, der neben seinem ausgefallenen Hobby früher eine Elektronikfirma in Mannheim führte. Vor allem in der Schweiz war Püschel als Kristallsammler unterwegs. Die Funde dürfen Strahler im Regelfall behalten; in manchen Schweizer Kantonen braucht man allerdings ein Strahlerpatent, um überhaupt nach Kristallen suchen zu dürfen. In anderen muss man „bedeutende Funde“ angeben. Erfahrene Strahler erkennen an den Strukturen der Felswände, wo Klüfte mit Kristallen liegen könnten. Püschel eignete sich dieses Wissen vor allem über Bücher und Magazine an. Eine Garantie, wirklich etwas zu finden, gebe es trotzdem nicht. Aber: „Wenn ein Kristall zum ersten Mal seit Millionen von Jahren Licht erblickt, dann pumpt das Herz ganz schön“, beschreibt Püschel das Glücksgefühl beim Mineraliensammeln.

Die größte Kluft wurde geplündert

Eine Kluft zu öffnen, könne Stunden oder Tage dauern, erzählt Püschel. Wer das geschafft hat, kann sie mit Werkzeugen oder einem Schriftzug markieren. Zwei Jahre lang ist die Kluft dann „besetzt“, kein anderer Strahler darf sich an den Kristallen bedienen – theoretisch. „Meine größte Kluft wurde ausgeraubt“, bedauert Püschel. Kristalle im Wert von mehreren Tausend Euro seien darin gewesen. Er kannte den Dieb sogar, verzichtete aber auf eine Anzeige und suchte lieber das Gespräch. „Heute können wir wieder ein Bier zusammen trinken.“

Seit drei Jahren geht Püschel nicht mehr am Seil in die Steilwände, um Kristalle zu suchen. „Aus Altersgründen und weil ich alles gefunden habe, was ich finden wollte“, erklärt er. Außerdem wird es immer schwieriger, Kristalle aus der Erde zu holen: „Heute sind alle gut erreichbaren Gegenden abgesucht“, sagt Püschel über die Alpen.

In die entlegeneren Gebiete zu kommen, werde zudem immer gefährlicher, da der Permafrost taue und damit die Berge instabiler würden. Das mache die Kristalle nicht nur schwerer zugänglich, sondern zerstöre sie: „Die Klüfte stürzen ein und die Mineralien werden zerdrückt“, erläutert Püschel und ergänzt mit einem Augenzwinkern: „Wir sind also eigentlich die Retter der Kristalle.“ Der wertvollste Stein, den Püschel auf seinen Exkursionen gefunden hat, ist eine flache, eher unscheinbare Scherbe, noch nicht einmal so groß wie ein Handteller. Ihr Geldwert dürfte nicht besonders hoch liegen.

Für Püschel hat sie einen ideellen Wert: „Ich habe sie in einer Höhle vom Boden aufgehoben und wollte sie schon wegwerfen. Dann drehte ich sie um und habe es gesehen: P wie Püschel, L wie Lutz“, sagt er und zeigt auf die Kristallstruktur der Scherbe. Im richtigen Licht lassen sich die schimmernden Initialen tatsächlich erkennen – gewachsen vor zig Millionen Jahren.