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Literatur Thomas Lehrs Novelle „Frühling“ neu erschienen

Wege voller Rätsel und Andeutungen

Diese Novelle erschließt sich erst von ihrem Ende her. Bis der Leser dort angelangt ist, hat er einen Weg voller Rätsel und Andeutungen hinter sich gebracht. Und voller Bilder, die in ihrer poetischen Kraft zwar faszinieren, sich aber kaum deuten lassen. Obendrein schreibt der aus Speyer stammende Autor Thomas Lehr in einer Sprache, die aufgrund ihrer unkonventionellen Interpunktion den Lesefluss permanent ins Stottern geraten lässt. Es ist die Sprache eines Menschen, der nach Luft ringt. Der da spricht, ist ein Mann, dem noch 39 Sekunden bleiben, bevor er stirbt.

Abgrund der Selbstzerstörung

In entsprechend 39 kurzen Kapiteln lässt der Autor seinen Hauptprotagonisten ein zersplittertes Panorama entwerfen, das die Vergangenheit in aufblitzenden Facetten beleuchtet. Es ist die finale Agonie eines Lebens unter den Vorzeichen eines grauenhaften Geschehens, in das der Vater Christians und seines Bruders Robert verwickelt war. Und das die ganze Familie in einen Abgrund der Selbstzerstörung reißt. Nicht nur die Mutter, die dem Alkohol verfällt, sondern auch die beiden Söhne, die unter der Last des Wissens um die Rolle zusammenbrechen, die der Vater Jahrzehnte zuvor im Konzentrationslager Dachau gespielt hat.

Die Novelle „Frühling“ ist bereits vor 20 Jahren erschienen. Der Hanser-Verlag hat sie neu herausgegeben und knüpft mit der früheren Arbeit Thomas Lehrs an die neueren Romane an, in denen der Schriftsteller ebenso deutsche Geschichte in einer Weise aufarbeitet, in der sich eine ins Surreale gesteigerte Fiktion als äußere Form für innere Empfindungen ausweist, die im Angesicht der Realität einen adäquaten Ausdruck suchen. Mit „Frühling“ hat Lehr eine überzeugende Sprache gefunden, um den Schrecken in der Wahrnehmung einer historischen Ungeheuerlichkeit zu bannen. Die Zweitlektüre, also das wiederholte Lesen des Buches vom Ende her, sei als Empfehlung gegeben.